Papa, was ist eigentlich im Himmel oben?

Mein dreijähriger Sohn hat das Fragen entdeckt. Warum ich diese Fragerei nicht als nerviges Gequassel, sondern als einen wunderbaren Aspekt des Vaterseins empfinde, schildere in einem weiteren Blogbeitrag auf zentralplus.

iele Bekannte amüsieren sich über die Warum-Fragen meines Sohnes: «Aha, in der Fragephase». Mein Dreijähriger ist dann jeweils irritiert. Andere nerven sich gar über die Fragerei und versuchen, sie zu stoppen. Ich wiederum geniesse diese «Zeit des Warums» und hoffe, das Fragen hält noch lange an. Die erste Frage, die mich an die Grenzen meines Erklärvermögens brachte, kam spontan an einem Nachmittag vor einigen Monaten beim Zvieri. Mein Sohn unterbrach sein Kauen, legte das Apfelringli auf den Tisch und fragte «Papa, was ist eigentlich im Himmel oben?». Seither sind Planeten und die Erde immer wieder ein Thema. Die Fragen kommen laufend und fordern auf ihre eigene Art und Weise.

Wenn das Haus davon fährt

Der Himmel hat es ihm angetan: Ein windiger Tag, Wolken ziehen am Himmel mit beeindruckendem Tempo über uns hinweg. Als ich aus dem Haus komme, steht er bereits staunend davor und schaut der Fassade entlang in den Himmel zu den Wolken: «Papa. Pa-pa.» sagt er langsam, staunend und leicht irritiert «das Haus fährt davon!».

Eine andere Situation: Meine Frau und ich suchen das Söckchen von der kleineren Schwester. Unser Dreijähriger rennt in die Küche und bringt es, wir bedanken uns. «Du wusstest also, wo es war?» – «Unter dem Küchentisch.» antwortet er und bleibt stehen um dann zu fragen: «Warum weiss ich das?» – «Du hast das in deinem Hirn gespeichert» – Er fasst sich an den Kopf und schaut uns beide an, meint dann ganz ernst zu mir: «Hast du kein Hirn?»

Wie oft habe ich in den letzten Wochen ganz einfache Dinge aus einer anderen Perspektive gesehen, wurde plötzlich nachdenklich wegen einer simplen Begebenheit oder musste lachen wegen einem banalen irgendwas. Ein wunderbarer Aspekt des Vaterseins. Ich liebe dieses immer weiterführende und nonstop wiederkehrende «Warum, Warum, Warum?». Die Fragen laden ein zur Reflexion oder sind spielerische Philosophie.

Ein paar Beispiele dafür:

Vogeldreck und Erkenntnistheorie

Wir setzten uns auf eine Sitzbank am Seeufer. Neben uns entdecken wir einen Vogeldreck. «Warum macht der Vogel sein Häufchen hierher und nicht ins Wasser?» – «Der Vogel überlegt sich nicht, dass es im Wasser passender wäre» – «Aber ich überlege das. Warum?» – «Weil wir über verschiedene Sachen nachdenken können» – «Warum können wir denken?»

Gesellschaftspolitik am Fahrradständer

Wir kommen vom Einkauf nach Hause, ich schliesse mein Fahrrad ab. «Warum schliesst du dein Velo ab?» – «Damit es niemand stiehlt» – «Warum gibt es Menschen, die stehlen?» –  «Weil sie vielleicht zu wenig Geld haben» – «Warum gibt es Menschen, die zu wenig Geld haben?»

Sonne, Mond und Erde

An einem Abend, erst noch bestaunten wir den Vollmond, steht unser Kleiner verblüfft am Fenster «Papa, schau, schau – der Mond ist kaputt». «Wir sehen nicht den ganzen Mond, die Sonne bescheint nur einen Teil» – Sonne und Mond, mein Sohn macht einen Gedankensprung: «Warum sind wir auf der Erde?».

Die Schlüsse, die unser Kleiner jeweils zieht, haben ihre eigene Logik. So auch dieser: Seine Mama pumpt Milch ab. Er fragt sie «Was ist das?» – «Eine Milchpumpe» – «Für was?» – «damit deine Schwester später Milch trinken kann» – «Dann bist du eine Kuh».

Weihnachten ohne Gott und Ostern ohne Auferstehung – so feiern wir die Feste

Weihnachten ist vorbei, Fasnacht steht vor der Tür und bis zu Ostern ist es auch nicht mehr weit. Ich wurde mit den christlichen Festen gross und liebe deren Werte – die Kirche jedoch ist mir fern. Wie ich mich, aber vor allem meinen Kindern, die Feiern erklären will, ergründe ich in diesem Blogartikel.

Fragen über Fragen

 

Mein Kleiner liebt Fragen. Und ich bin manchmal um Antworten verlegen. Warum feiern wir Weihnachten? Ja warum eigentlich? Ich bin ungetauft und konfessionslos, glaube nicht an den Patriarchen da oben und die Exzesse der katholischen Kirche nerven mich gewaltig. Überhaupt, das ganze autoritäre Macho-Gehabe der Kirchen und Religionen widerspricht meinem humanistischen Menschenbild. Und doch lebe ich in einer christlichen Gesellschaft und die religiösen Feiern bedeuten mir – ja, was? Warum feiern wir diese? Wie wollen wir als Eltern das unseren Kindern erklären und weitergeben?

In diesem Blog will ich diese Feste ergründen und mich – ganz subjektiv – wappnen für kommende Fragen: Welom? Welom? Welom?

 

Januar: Heilige Drei Könige (Demut, Frieden, Ende der Weihnachtszeit)

 

Warum feiern wir „Könige“, „Weise“ oder „Sterndeuter aus dem Osten“? Auch, weil der Königskuchen sehr gut ist. Aber der Besuch an der Krippe, warum? Die Könige feiern einen neuen, kleinen Menschen, der mächtiger sei als alle drei zusammen. Damit lehren sie Demut und rücken nach meiner Leseart das Bewusstsein ins Zentrum, dass Macht relativ und vergänglich ist. Aber viel offensichtlicher stehen sie als Heiden gemeinsam mit Juden (Hirten) und dem kleinen, christlichen Messias in einem Moment voller Frieden im Stall – ein  Symbol für die Hoffnung der Menschen auf Frieden, unabhängig von Glauben und Religion (unverzeihlich: Die Könige sind alle männlich). Dazu stehen sie auch für das Ende der Weihnachtszeit, die für unsere Kinder mit dem Adventskalender im Dezember begonnen hat. Gelegenheit, kurz inne zu halten und die vorbeigezogenen Festtage Revue passieren zu lassen. Wenn unser Kleiner sehnlichst das Figürchen der Königin oder des Königs im Königskuchen erhaschen will (er hat es doch selber reingesteckt!), es jedoch (schon wieder!) Mama in ihrem Stück entdeckt, dann lernen er und ich, sich am Glück der anderen zu freuen und, dass Glück zufällig ist. Wir lernen, dass es schön ist, anderen die Krone aufzusetzen und ihnen was Gutes zu tun. Und wenn man dann selber einmal das Glück des Plastikfigürchens haben sollte, dann lohnt sich die Feier nur schon deswegen (bei uns darf man sich dann ein Nachtessen wünschen, welches der Rest der Familie zuzubereiten hat).

 

Februar: Fasnacht (Gut gegen Böse, Vom Winter- ins Sommerhalbjahr)

 

Fasnacht – wenn man einen dermassen besoffenen Ausbruch aus dem Alltag braucht, dann stimmt meiner Meinung nach etwas mit dem Alltag nicht, auch wenn es die Vorbereitung auf die Fastenzeit sein soll. Aber Fasnacht ist auch ein mesopotamischer Brauch, der gemäss Wikipedia über 5000 Jahre alt und demnach denkbar unchristlich ist. Und als Luzerner muss man ja doch irgendwie einen Zugang finden. Ich bemühe mich. So entspricht mir die Fasnacht: Als Fest zur Austreibung der Wintergeister, als Symbol für das ständige Tauziehen zwischen Gut und Böse, als fröhliche Maskerade mit sinnhaften Parodien und anregenden, frechen Figuren oder liebevoll gebastelten Wesen, die gefestigte Rollenklischees spielerisch hinterfragen – mit diesen Ansprüchen finde ich mich wohl plötzlich an der Fasnacht in Basel, statt in Luzern (entschuldige, Luzern, aber die Fasnacht in Basel...). Dieses Jahr werden wir jedoch als Familiensujet an die Fasnacht in Luzern gehen, für unseren Kleinen bestimmt ein wunderbares Erlebnis – und vorerst geht es nur um das Rollenspiel und er begnügt sich mit der Antwort aus dem Altertum „weil wir Wintergeister austreiben“.

 

April: Ostern (Neuanfang, Fruchtbarkeit)

 

Ostern, das Fest der Auferstehung, ist wohl das christlichste von allen Festen hier. Aber Ostern ist auch ein germanisches Frühlingsfest, das die Christen als Fest der Auferstehung vereinnahmt haben – die Frühlingsgöttin Ostara war eine heidnische Göttin. Ostern als Fest des Frühlings und damit des Neuanfangs von allem Leben: Das lässt sich durchaus ohne Auferstehung von Jesus feiern.

Der Hase, die Eierform und die Frühlingszweige als Symbole für die Fruchtbarkeit und den Neuanfang, das macht Sinn für mich. Die Geschichte des Osterhasen, der „Eier“ versteckt: Ich mag das gemeinsame Suchen im Garten und den sonntäglichen Familienbrunch (Eier müssen es für mich nicht sein: Mir tun die Millionen geschredderten Osterküken und vergasten Legehennen jedes Jahr wieder leid...).

Welom also Ostern? Weil wir den Frühling und das Spriessen aller Pflanzen, das Leben an sich feiern. Welom Hase und Eier? Weil sie Symbol der Fruchtbarkeit, des Lebens sind. Um es kitschig zu formulieren: Der Osterhase mit seinen Lauschern erinnert uns, ganz Ohr zu sein für das Leben um uns.

 

November: Halloween (Trauern, Erinnern, Lebenszyklus)

 

All Hallows’ Eve, der Abend vor Allerheiligen - Bisher weigerte ich mich, Halloween als Fest zu akzeptieren. Ich nerve mich über das Klingeln und das Süssigkeiten-Gebettel von Kindern, die keine Ahnung haben, was „süss“ oder „salzig“ bedeutet und bei „salzig“ meinen, sie würden Salzstängeli kriegen... – ich schalte deshalb bisweilen sogar die Klingel aus. Womöglich füge ich mich aber dem Fest. Denn wenn ich es mir überlege: Die Gedanken an Verstorbene und unsere Vorfahren kommen viel zu kurz. Und aus dieser Perspektive scheint es mir plötzlich ein unglaublich wichtiger Brauch. Sich an die Verstorbenen zu erinnern und an die Seelen zu denken, die zum Ende der Sommerzeit erst umherirren und dann endlich heimkehren – in diesem Sinne gefällt mir das Fest. Sich den Verstorbenen Freunden und Bekannten sowie seinen Ahnen bewusst zu sein, die Trauer und auch Dankbarkeit für gemeinsam erlebte Zeit und eine gewisse Demut gegenüber dem Lebenszyklus zu fühlen, diesen Wert werde ich versuchen, so meinen Kindern weiterzugeben (wohl aber eher mit Räbeliechtliumzug oder Kürbis-Schnitz-Wettbewerb statt mit Süssigkeitengebettel). Und, wenn die Kinder bei „salzig“ nicht ans Streiche spielen denken, ist das ja eigentlich auch nicht ganz so schlimm...

 

Dezember I: Samichlaus (Menschenwürde, Teilen und Freundschaft)

 

Die Geschichte vom barmherzigen Nikolaus vermittelt Werte, die meiner Meinung nach durchaus ihre Wichtigkeit haben, besonders im heutigen politischen Umfeld: Nikolaus gab sein Hab und Gut den Armen weiter, lebte Nächstenliebe und Uneigennützigkeit, nahm sich benachteiligten Menschen und Kindern in Not an. Für meine Kinder und jene in unserem unmittelbaren Umfeld ist das wohl noch etwas viel Ethik. Da ist erst mal „Teilen können“ und „Freundschaft leben“ ein wichtiger Aspekt, der gefeiert und zelebriert werden will: Der Samichlaus bringt einen Sack voll Sachen, er teilt diese und lehrt die Menschen, wie wichtig es ist, selber teilen zu können und Freundschaften zu pflegen. Er erinnert an die guten Eigenschaften und an die Würde eines jeden einzelnen Menschen (darum tadelt er bei uns auch nicht).

Die Geschichte des Sankt Nikolaus hat durchaus Platz, finde ich, auch ohne religiöses Brimborium. Wir feierten den Samichlaus dieses Jahr im Garten am Feuer mit befreundeten Familien. Ein schöner, ruhiger, gemütlicher Anlass – mein Kleiner singt noch heute das Samichlausen-Lied und mir dient der entsprechende Gruppenchat als Ferienchat für nächsten Sommer. Freundschaften leben und Dinge miteinander teilen, füreinander da sein – so gefällt mir der Samichlaus sehr.

 

Dezember II: Weihnachten (Liebe, Familie)

 

Zu Weihnachten gehört für uns auch die Vorweihnachtszeit: Gemeinsames Guetzle, der Adventskranz und ein Adventskalender, damit die Tage bis zu „Heiligabend“ abgezählt werden können. Am 24. ist es dann das Christkindli, das heimlich den Baum schmückt, die Kerzen anzündet und das Glöckchen zum Klingen bringt und es sind wir, die uns gegenseitig Geschenke machen. Die Freude und das besinnliche Zusammensein an Weihnachten ist eine Kindheitserinnerung, die ich weder missen noch meinen eigenen Kindern vorenthalten will. Da lässt sich die christliche Sozialisierung nicht wegdiskutieren. Obwohl es Jungfrauengeburten schon bei den Persern, Griechen und Ägyptern gab und das Mittwinterfest ein germanischer Brauch gewesen war, sind Maria und Josef, das Jesuskind, die Könige und die Hirten in unserem Umfeld zu präsent – da lässt sich nichts umdeuten.

Aber „Welom kommt das Christkind?“, darum:

Weil es uns immer wieder von neuem zeigen will, wie kostbar die Zeit mit der Familie ist, wie schön es ist, dass wir einander haben, wie wichtig die Liebe ist. Und es lehrt uns darum, für Frieden einzustehen.

Wer ist das Christkind? Ein kleiner Engel, den wir uns herbeiwünschen. Als Erinnerung an das Kind in der Krippe.

Wer ist das Kind in der Krippe? Es stammt aus einer Geschichte: Die Weihnachtsgeschichte mit Maria und Josef, die sich die Menschen immer wieder erzählen, damit sie nicht vergessen, wie wichtig die Liebe ist. Andere Familien erzählen sich ähnliche Geschichten von der Liebe und von anderen Welten, aber die Geschichte mit dem Jesuskind erzählte schon Papapa, Mamama, Grossbaba und Grossmama. 

 

Eigentlich schön, haben wir all diese Feste. Ich jedenfalls bin nun gewappnet für die Fragen meiner Kinder. Komme was wolle. Wobei, vergessen ging Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes zum Ende der Osterzeit müsste eigentlich auch in der obigen Reihe stehen. Aber für mich persönlich ist das eher eine rein kirchliche Sache – oder wird das auch von anderen gefeiert? Wenn ja, welom?

Mein Sohn will seinen Grossbaba essen


Als Eltern haben wir unserem Sohn in den Ferien Fleisch aufgetischt. Da dieser sich nicht gewohnt war, Tiere zu essen, will er jetzt auch seine nächsten Verwandten backen. Vielleicht ist ein fleischfreier Haushalt ja doch nicht so förderlich, um die gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu erlernen, denke ich mir und stehe meinem Sohn ratlos gegenüber.

 Fleisch ist Tier

Das Kaninchen lag, unkenntlich zwar, aber mitsamt Knochen, auf dem Teller. „Das Has?“ Ja, das war ein Hase. Unser Kleiner hat die Bestellung mitbekommen. „Chaner nömme renne?“, „Nein, rennen kann der nicht mehr, er ist tot. Um ein Tier zu essen, muss man es töten“. Der Kleine ergänzt: „Und backen“. Seither sind Tiere auf dem Tisch ein Thema. Denn von Zuhause ist sich unser Sohn das nicht gewohnt, da gibt es selten mal ein Fischfilet aus dem Vierwaldstättersee – ansonsten muss sich der kleine Gourmet wegen der elterlichen Überzeugung mit pflanzlicher Kost arrangieren. Aber nun, in den Sommerferien, da gab es in einem Restaurant Hase. Eine lokale Spezialität, vom Wirten ans Herz gelegt und mangels Alternativen bestellt. Das führt nun beim Kleinen zu reichlich Verwirrung.

 

Freund Thimmy

Regelmässig am Dienstag haben wir Thimmy zu Besuch. Thimmy ist ein Hund und mein Sohn liebt ihn heiss. Sie machen gemeinsam Mittagsruhe, Thimmy frisst sein Essen nur, wenn er vom Zweieinhalbjährigen gefüttert wird und gemeinsam rennen sie um Bäume, erkunden Bachbeete und legen sich neben- und übereinander in die Sonne. Das Erlebnis mit dem Hasen liess nun meinen Sohn fragen, ob er denn Thimmy kochen dürfe. „Aber nein, Thimmy essen wir doch nicht“. „Aber Has ässe“. Ja, Hase schon. Warum eigentlich? Zum Glück ist mein Kleiner noch nicht im Frage-Alter – und fürs eigene Gewissen: Hase ist ja nicht Schwein oder Kuh. Kaninchen ist im Verhältnis nachhaltig. Aber halt trotzdem tot und mit Mastvergangenheit, wenn es auf dem Teller liegt. Damit komm ich klar, aber mein Sohn treibt mich in die Enge.

 

Grossvater im Ofen

Grossvater schaut jeweils am Donnerstag auf den Kleinen. Und mein Sohn scheint die speziesistische Trennung immer noch nicht begreifen zu wollen. Zum Zmittag bei Bekannten gab es Fleisch. Rinderwurst. Das hat mir mein Kleiner erzählt, als wir hinter der Museggmauer die schottischen Hochlandrinder bestaunten. Ja, Kühe kann man auch essen. „Zersch töte“. Ja, das ist so. „Und backe“. Oder wursten. Und nun, an einem Freitagmorgen, spielt mein Sohn in der Küche und hantiert mit Pfannen und Kellen. Er schiebt, fiktiv zwar, aber realistisch genug, tatsächlich seinen Grossvater in den Ofen. „Grobaba backe“.

 

Wir müssen reden. Was muss ich tun, dass mein Kleiner diese Unterscheidung hinkriegt und nicht zum Menschenfresser wird? Immerhin rechnet er das CO2 und die verhungernden Kinder, denen unsere Nutztiere das Essen wegfressen, noch nicht auf. Denn da bleibt mir später wohl tatsächlich nur, die Gesellschaft anzuschwärzen. Oder wie erklärt ihr Fleisch- und Käse-Essenden euren Kindern diesen gedanklichen Spagat und ökologischen Widerspruch? Was kann ich tun, damit meinem Kleinen die Gesellschaft nicht total pervers oder pathologisch gespalten vorkommt? Oder muss ich mich damit abfinden, dass sie es ist?

Plötzlich ist da ein „Ich“

In den letzten Tagen erhielt für mich die Vaterschaft eine neue Dimension – das zweijährige Kind entwickelte scheinbar vom einen auf den anderen Tag ein Ich-Bewusstsein. Ein knapper Bericht von Komplimenten zur Kleidung bis hin zu berührenden Selbstreflexionen und dem Wunsch, wieder „klein“ zu werden.

Die letzten Monate amüsierten wir uns Zuhause über die Personalpronomen von unserem Heranwachsenden. „Du“ hiess „ich“. Ist ja klar, wenn wir sagen „möchtest du was trinken“, dann lautete die logische Antwort: „Du trinke“. „Du mache“ meinte er, wenn er alleine etwas anpacken wollte und „Ping-Pong spielen du“ hiess, er wollte spielen. Nun heisst es vom einen Tag auf den anderen „Ich Ping-Pong spiele“. Plötzlich ist da ein „Ich“. Und nicht nur das Pronomen wechselte, sondern der ganze Auftritt.

Spürbar erkennt und reflektiert er auf einmal seine Emotionen und lässt uns daran teilhaben. Bisher unbekannte Ängste kommentiert er abends, wenn wir den Tag Revue passieren lassen, mit „Papa ganget, ich truurig“. Gestern brachte ich ihn ins Bett, er stellte fest: „Mama vell schaffe“ und einen Augenblick später meinte er „Ich gärn Mama“ – was für ein Moment! Heute nach dem Znacht dann, bekundete dieses neue Ich, dass es nochmals nach draussen wolle, um den Hasen im Nachbarsgarten eine gute Nacht zu wünschen. Taktisch geschickt, denn was ist gegen ein kurzes Gute-Nacht-Wünschen einzuwenden – wir machten uns bereit und nahmen die Jacken vom Haken. Der Zweijährige schaute mich an, strich über meine Jacke und meinte anerkennend „Schöni Jagge“. Das erste Kompliment von meinem Sohn! Das neue Ich wirkt auf seine Welt in einer Manier, dass ich kaum glaube, wie schnell ein solcher Entwicklungsschub vonstatten gehen kann.

Uns als Eltern irritierte jedoch diese schlagartige Veränderung ziemlich. Nach etwas googeln merkten wir aber: Der Kleine arbeitet klischeehaft alle Punkte ab, die man im dritten Lebensjahr halt eben so durchmacht. Total normal.

Gemäss Fachliteratur können die nächsten grossen Blöcke die Warum-Fragen sein, gefolgt vom fiktiven Freund respektive der fiktiven Freundin, danach entwickelt sich die Empathie und später kommen die Lügengeschichten, bevor sich dann die Pubertät ankündet. Aktuell muss der Kleine nun plötzlich mit Freude, kindlicher Lust, unbändigem Spieltrieb, einem riesigen Entdeckungsdrang, aber auch mit Schadenfreude, Neid, Eifersucht und Schuldbewusstsein zurechtkommen. Bäm, jäh ist der Damm der Emotionen gebrochen. 

Wenn das tatsächlich alles so urplötzlich und heftig zu Tage tritt, freue ich mich auf in unglaublicher Art und Weise immer intensiver werdende Vater- und Elternzeiten.

Einschlafen will er jetzt übrigens vermehrt alleine (danach ruft er einen zwar oft wieder zu sich und meint „ned ganget“, womit er bekundet, es habe alleine nicht geklappt, man solle nochmals kurz vorbei schauen), diesem Bedürfnis nach Selbständigkeit wird neustens auch mit der Versuchung, wieder „klein“ zu sein  begegnet. Er krabbelt auf allen Vieren und will den Schoppen trinken wie ein Säugling: „Ich Baby“. Verständlich, will er zwischendurch zurück: Ich stelle mir das unglaublich streng vor, wenn man sich auf einen Schlag als Person wahrnimmt, irgendwie steckt mir ja diese eigene Erfahrung immer noch in den Knochen, so glaube ich wenigstens zu spüren, wenn ich meinen Sohn so erlebe.

Wir grenzen unseren Zweijährigen aus und verletzen ihn nachhaltig - seit 2 Jahren

Ich war am Vortrag von André Stern. Als Lehrer war ich darauf vorbereitet, dass die Ideale des Mannes, der nie zur Schule ging, zwar einleuchtend und erstrebenswert sind, es jedoch eine grosse Herausforderung oder gar Unmöglichkeit ist, diese in den Alltag der Volksschule zu integrieren. Dass ich aber als Vater ertappt und erschüttert wurde, das traf mich. Die Haltung gegenüber unserem Sohn wollen meine Frau und ich nun ändern. Hier mein Bericht.

Aus einem sicheren Hafen steht einem die Welt offen

Letzten Donnerstag, 22.02.18, hielt André Stern einen Vortrag im MaiHof. Der Saal war ausverkauft, gut 400 Leute waren anwesend. André Stern lebt mit seiner Familie in Paris, er ist Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist, Autor, spricht fünf Sprachen fliessend und war nie in der Schule. Seine Erfahrung steht quer in der Landschaft und ist in der Schweiz illegal. Sein Blick auf Erziehung und Schule ist erhellend und regt zum Nachdenken an. Die Botschaft zum Lernen und zum Umgang mit Kindern leuchtet ein: Den Kindern sei auf Augenhöhe zu begegnen (Jesper Juul würde selbiges als Gleichwürdigkeit im Umgang mit Kindern bezeichnen), die Kinder trügen die Potentiale zu dem, was sie werden können, in sich. Dazu brächten die Kinder alle Anlagen mit: Offenheit, Entdeckungsdrang, Spielfreude und Begeisterung. Da das kindliche Spiel Voraussetzung fürs Lernen sei, sei es absurd, die Kinder im Spiel zu unterbrechen und zum Lernen aufzufordern. Genauso surreal empfindet er Jahrgangsklassen und die Wissensvermittlung in gleichförmigen Häppchen. Plakativ formuliert sei es für uns alle fatal, dass wir ständig im “Werden” seien und kaum mehr “sind” - unsere Potentiale würden verkümmern und unser Selbstvertrauen sei gestört. Oft zitiert er den Neurobiologen Gerald Hüther, flechtet zur Anschauung Erlebnisse von sich oder seinen Kindern ein. Für ihn selber ist Lernen in Freiheit noch heute ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Einzige Bedingung für diese Erfolgsgeschichte: Ein “sicherer Hafen”, genährt durch Vertrauen und ein grosses Engagement der Eltern. Was für Kinder gelte, welche diese Voraussetzungen und dieses Umfeld nicht hätten, darauf hat André Stern keine Antwort. Überhaupt distanziert er sich an dem Abend sowohl von allem Normativen (er sei nicht allwissend, sondern schildere lediglich seine Erfahrung einer glücklichen Kindheit) als auch vom Laissez-faire und Anti-Autoritären (das Machtverhältnis wird in seinem Verständnis nicht umgekehrt, sondern den Kindern und Alten wird auf Augenhöhe begegnet - das bedeute, dass auch Rituale und Bedürfnisse der Mitmenschen, also auch der Erwachsenen, respektiert würden).

Kinder als zu vervollständigende, noch unkomplette Erwachsene

Ganz natürlich will ein Kind zur Gemeinschaft dazugehören. Als erstes zur Gemeinschaft der Familie. Gemäss André Stern geben wir unserem Sohn jedoch täglich zu verstehen, dass er dafür (noch) nicht gut genug ist. Wir grenzen ihn aus, indem wir einerseits aus einer Haltung der Überlegenheit kommunizieren. “Ja sag, was hast du heute denn mit Mama gemacht?” (Mama hatte es doch soeben selbst erzählt?) “gggeeeespielt?! Wie schön, und wie gut du das sagst!” “Ja, und sag, waaas haabt ihr denn gespielt? -- Duplo, toll, toll, so toll” - wir nehmen das Kind nicht ernst, unsere Kommunikation trieft vor sarkastischer Ironie. Wir irritieren das Kind, weil, warum sollte es etwas erzählen, das soeben erzählt wurde und warum fragen wir und stellen uns dumm, statt dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen? Wenn es will, erzählt es von sich aus voller Stolz und Begeisterung, was es erlebt hat oder viel mehr noch: Was es momentan gerade beschäftigt. Ständig geben wir ihm aber zu verstehen, dass es noch nicht zum Kreis der Normal-Sprechenden gehört. Es muss sich noch ändern, wir müssen es gross- und erziehen, bis es so ist wie wir - noch genügt es unseren Ansprüchen nicht.

Anderseits geben wir unserem Sohn auch anderweitig ständig zu verstehen, dass er so, wie er ist, noch nicht komplett ist. Denn wir sagen ihm zwar: “Ich liebe dich”. Wir sagen aber nicht: “Ich liebe dich, weil du so bist, wie du bist”. Es ist eher ein: “Ich liebe dich, aber würdest du Durchschlafen, besser sprechen, anständiger essen, weniger streiten, selbständig aufs Häfi gehen, dann, ja dann würden wir dich noch mehr lieben”.

Höher, weiter, schneller, besser als das andere Kind

Als wäre das nicht Verletzung genug (gemäss André Stern steckt in so manchem Erwachsenen ein verletztes Kind, das hinter seinem zukünftigen Ich her eilt, seinem Ich, das endlich komplett sein sollte), kommt der Wahn des Vergleichens und Messens, den die Erwachsenen auf das Kind übertragen. Deiner läuft schon? Meiner kann schon den Buchstaben B schreiben. Und die Kleine rutscht bereits auf der Rutschbahn - ganz alleine, wie eine Grosse. Auch die Frage, ob der Kleine denn schon durchschlafe impliziert, dass, wenn nicht, er eben den Ansprüchen noch nicht genügt. Und das bereits wenige Tage nach der Geburt (André Stern stellte die Frage an die Anwesenden: Wer von euch hat heute Nacht denn durchgeschlafen? Ein grosser Teil genügte den Ansprüchen an den Säugling nicht). Der Konkurrenzkampf verdrängt das Spielerische, die Begeisterung, das Vertrauen in sich selbst. Statt die Kinder in eine Richtung zu drängen und immer besser und besser machen zu wollen, wäre es gemäss André Stern wirkungsvoller und wichtiger, den Kindern eine Orientierung zu sein, sie zu beobachten und ihnen durch Vertrauen und Rituale einen sicheren Rückhalt zu geben. Sie in ihren Interessen zu stärken und ihrer Begeisterung, ihrem Lern-, Spiel- und Entdeckungsdrang Lauf zu lassen. Sie ihre Potentiale entfalten lassen.

Beobachten, beobachten, beobachten und Rituale, Rituale, Rituale

Da wollen wir also was ändern Zuhause. Ab sofort versuchen wir die dummen Fragen und die Baby-Sprache zu eliminieren. Weg mit der Haltung der Überlegenheit (die werden wir aber wohl nie gänzlich ablegen können, so tief ist die drin). Und wir wollen bewusster durch Beobachten präventiv agieren. Und ihn spielen lassen, die Unterbrüche minimieren. Herrgott, Erziehung oder sternsche Nicht-Erziehung, anstrengend ist beides. Das eine aber möglicherweise erfüllender.

Dazu drei Problem-Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit:

Problem 1 - Besteck rumwerfen: Unser Kind wirft am Essenstisch mit Dingen um sich. Reaktion bisher: Nach einer Verwarnung aus dem Raum in sein Zimmer beordern - wer nicht pariert, geht raus. Reaktion neu: Vor dem Wurf fragen, ob er fertig sei und runter wolle. Er bejaht und schaut in Frieden und seinen Stuhl verrichtend ein Büchlein neben dem Küchentisch an. Wir essen mit gutem Gewissen zu Ende. Waches Beobachten und Bedürfnisse wahrnehmen: Check! (aber gelingt leider nicht immer).

Problem 2 - Spielen statt Bett: Unser Kind will nicht ins Bett. Ich jedoch will ihn im Bett haben und noch was erledigen. Meine Reaktion bisher: Doch, es ist jetzt schon spät und du gehst ins Bett. Kurzes Sträuben und Weinen seinerseits, dann schläft er. Reaktion neu: Sagen, dass ich noch was im Büro erledigen will und fragen, ob er noch kurz alleine spielen möchte, er könne mir nachher rufen; oder ob ich ihn jetzt ins Bett bringen soll. Er überlegt kurz, holt seinen Nuggi und geht ins Bett. Ich bin baff. Mal schauen, ob das immer so geht. Auf Augenhöhe begegnen und gegenseitige Bedürfnisse respektieren: Check! (ich bin gespannt auf weitere Situationen).

Problem 3 - Schlechtes Gewissen nach dem Zurechtweisen: Wieder das Herumwerfen (irgend ein Grund wird es wohl haben, es passiert nichts grundlos, blabla - es nervt). Diesmal Spielzeug. Ich reagiere heftig, weil es mich ärgert. Er hat heute sowieso einen schlechten Tag und überhaupt, ich bin müde. Er erschrickt ab meiner Reaktion und verkriecht sich auf seinem Bett. Reaktion bisher: Ich sage ihm, dass ich das nicht möchte und versuche ihn nach einer Weile mit irgendwas abzulenken um die Stimmung zu bessern. Büechli anschauen oder sonstwas. Reaktion neu: Ich sage ihm, dass ich nicht will, dass er Dinge rumwirft. Und ich schiebe hintennach, dass ich ihn trotzdem liebe, weil er sei, wie er sei. Seine Reaktion: Er schaut mich überrascht an und meint “üe-e ned” und dann kuschelt er sich zu mir, schaut mich an und sagt “gä-n, Papa” - Wie schön ist das denn! Und kaum vorstellbar, was ein noch nicht Zweijähriger bereits alles versteht. Und wie die kleinen Verletzungen wohl tatsächlich bereits Tag für Tag stattfinden und stattgefunden haben. Den Kleinen so lieben, wie er ist (und das auch sagen): Check! Und es gibt bestimmt noch viele und auch passendere Situationen, das zu wiederholen.

Und jetzt, in Zukunft?

Eine Nicht-Erziehung nach Stern liegt für uns nicht drin. Dieser Effort scheint schlicht nicht möglich, wenn die Eltern arbeiten müssen um Essen, Miete und Krankenkasse zu bezahlen. Was tun wir nun? Dem Kind Vertrauen, ihm nach unseren Möglichkeiten auf Augenhöhe begegnen und dennoch mit dem Strom der Volksschule mitschwimmen? Auf Ferien verzichten und es in die Grundacher-Schule nach Sarnen oder in die Steiner Schule nach Ebikon oder in die Montessori-Schule schicken und damit aus der Quartier-Clique ausschliessen und in einen elitären Kreis von Leuten geben, die sich das Schulgeld leisten können? Oder eine eigene Schule gründen? Haben Sie uns das Haus und die Finanzierung dazu, wir wären bereit.

 

Mein Kind ist eine CO2-Schleuder. Sorry, Erde.

Ich meinte, bewusst und einigermassen umweltfreundlich zu leben. Aber jetzt bin ich Vater und damit tue ich der Erde nichts Gutes, denn der Verzicht auf Kinder wäre die effektivste Massnahme für den Klimaschutz, so eine aktuelle Studie. Wie und warum ich mich rauszureden versuche.

Vegan, keine Flüge, kein Auto – ein Kind macht alles zunichte und verursacht 58,6 Tonnen CO2 im Jahr. Umweltschutz ist so eine Sache und mit unserem Lebensstandard schlecht zu vereinbaren. Immerhin, bei der Ernährung, so glaube ich, bin ich gut dabei. Aber bereits fliegen tu ich knapp jährlich. Ein Auto leih ich mir dann und wann. Was Verpackungen anbelangt, da bin ich wirklich schlecht.

Aber he, darauf kommt es überhaupt nicht mehr an: Ich habe ein Kind, und das ist das Schlimmste, was man Mutter Erde antun kann. Sollte ich auf ein Zweites verzichten, dann bin ich fein raus – so eine im Juli 2017 veröffentlichte Studie im Fachblatt "Environmental Research Letters". Diese zeigt auf, welche Massnahmen am effektivsten wären, um den Klimawandel zu stoppen. Neben pflanzlicher Ernährung, dem Verzicht auf Flugreisen und das Auto sei der Verzicht auf ein (weiteres) Kind am wirkungsvollsten (der Verzicht auf ein Kind spare knapp 60 Tonnen CO2 ein, bei jenem auf einen Retourflug von Zürich nach Lanzarote ist es nur gut eine Tonne). Hoppla. Mein kleiner Stinker als Klimasünder. Nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern ganz allgemein und ziemlich drastisch.

Ein Kind zur Befriedigung von purem Egoismus?

Der Kleine dient also, wie es ein Mercedes täte (oder Ferien in den Tropen oder ein saftiges Steak oder eine Rahmglace), der Befriedigung meiner egoistischen, rücksichtslosen (Schein-)Bedürfnisse, ist dabei aber schlecht für die Umwelt und damit auch für meine Mitmenschen.

Ohne Kind wäre ich zwar vielleicht weniger glücklich, unter dem Strich aber ein besserer Mensch. Das ist doch Blödsinn, oder? Ein Kind als Quell des Bösen zu sehen, will so gar nicht in mein Verständnis des Menschseins passen. Als Papa weiss ich zudem, wie Kinder das Erwachsenenleben leichter machen können (ok, auch schwerer, aber die Kinderliebe ist nun mal nicht beschreib-, sondern nur erlebbar).

Die Kinderlosigkeit als Freibrief gegen ein nachhaltiges Leben?

Es ist aber natürlich so: Wenn man die Umweltproblematik als menschengemacht versteht, ist es nur folgerichtig, dass es der Erde ohne Menschen bessergehen würde. Der konsequente Klimaschutz wäre die Ausrottung der Menschen: keine Kinder mehr produzieren.

Das hingegen ist die klassische Ausrede, um nicht andere Massnahmen zu ergreifen: Man verweist auf die Überbevölkerung. Natürlich ist diese ein Problem, aber bei einer Geburtenrate von 1.5 Geburten pro Frau in den Umweltsünder-Staaten nicht wirklich das vordergründige. Zudem hätten wir ein ganz anderes, soziales Nachhaltigkeitsproblem ohne Kinder, bereitet doch die demografische Entwicklung mit wenig Nachwuchs sowohl dem Arbeitsmarkt als auch der Vorsorge Probleme. Viel entscheidender für die Umwelt ist der Lebensstil. Hier kommt das Elternsein ins Spiel: Nicht nur, was wir unseren Kleinen hinterlassen, sondern auch, was wir ihnen an Handlungskompetzenz mitgeben, ist entscheidend für deren Zukunft. Betrachtet man die besagte Studie, ist die Liste, was das sein müsste, schnell gemacht (seltsamerweise in der Studie unerwähnt bleibt: die beheizte Wohnfläche zu verringern oder zu teilen):

  • pflanzliche, regionale Ernährung
  • Ferien in der Region (kein Flugzeug)
  • Fahrrad und Zug statt Auto

Reflektieren, Vorbild sein, die Erde weitergeben

Also lande ich wieder bei mir: Vorbild sein. Denn das scheint mir weitaus sinnvoller, als der Überbevölkerung die Schuld zu geben und sich damit einen Freibrief für alles Mögliche auszustellen. Konsequent sein wäre hervorragend, den Kleinen die Optionen aufzuzeigen und das eigene Handeln begründen zu können aber schon mal ein Anfang. Mittelfristig geben wir Eltern das Zepter an die kleinen Racker weiter und diese müssen die von uns beackerte Erde übernehmen: Wäre doch schön, sie wüssten von Anfang an, was dieser dabei am wenigsten schadet.

Hier eine unvollständige Liste, was das für unseren Alltag bedeuten könnte:

Ich hasse «Papitag»

Ich nerve mich über die anerkennend gemeinte Äusserung «Oh, du hast heute Papitag, wie schön». Das Wort «Papitag» kann ich nicht mehr hören. Schliesslich hüte ich nicht den Nachbarshund, sondern bin Vater. Eine Polemik.

Ein Freund von mir meinte kürzlich «Oh, wie schön, du hast dienstags Papitag?». Ich bejahte und war gleichzeitig verblüfft. Mein Freund ist eigentlich bezüglich gesellschaftlichen Fragen äusserst sensibel. Ich erwiderte: «Sag nicht Papitag.» Er war irritiert. Bin ich tatsächlich so radikal und empfindlich? Ja.

Haben Sie eine Mutter mit ihrem Kind schon mal gefragt, ob sie heute gerade Mamitag habe? Wenn, dann vermutlich dann, als die Mutter keinen Nachwuchs bei sich hatte und im Ausgang war. Das versteht Frau nämlich kurioserweise als «Mamitag»: Die Mutter hat Zeit für sich, ausnahmsweise. Aber ich vermute, Sie haben die Frage noch nie gestellt. Haben Sie einen Kollegen, der Vater ist, schon mal gefragt, ob er heute gerade Papitag hätte? Dann, bitte, lesen Sie meine Polemik.

Lob für den, der weniger leistet

In Gesprächen mit Bekannten oder in der Familie wird implizit ständig meiner ebenfalls 80 Prozent arbeitenden Frau ein schlechtes Gewissen gemacht. Ich werde bewundert, dass ich es überhaupt hinkriege, einen Tag zu Hause zu bleiben. «Oh, du hast einen Papitag, wie schön!». Jedoch ist meine Frau werktags zwei volle Tage zu Hause und kümmert sich um Kind und Haushalt. Ich bin es nur einen Tag. Eigentlich sollte das Lob und die Kritik umgekehrt verteilt sein. Stattdessen wird mein «Papitag» gefeiert.

Nur schon das Wort «Papitag»: Es suggeriert einen Hütedienst. Der Vater schaut aus Distanz und ungelenk für ein paar Stunden zu seinem Nachwuchs. Als würde ich für ein paar Stunden die Nachbarskinder betreuen oder den Hund meines Kollegen hüten.

Habe ich ein Idealbild aus feministisch-linker Optik in meinem Kopf und kritisiere absolut nicht berechtigt den Papitag, den man doch eigentlich feiern sollte? Ist es nicht eigentlich lobenswert, wenn der Vater einen Tag pro Woche der Familie widmet? Wenn er sogar einen ganzen Tag ganz alleine mit dem Kind oder den Kindern hat? Ist es nicht, denn erstens ist ein Tag pro Woche nur ein Fünftel der Arbeitswoche und die wenigsten haben vier Partner, die assistieren. Und – vor allem geht es zweitens darum, dass Männer als Väter ernst genommen werden. Doch wenn Erziehungsaufgaben unter «Papitag» zusammengefasst werden, ist das nicht der Fall.

Elternsein ist keine aufteilbare 42-Stunden-Woche (weil 24x7=168 ≠42)

Denn das Elternsein beschränkt sich nicht auf einen Arbeitstag von achteinhalb Arbeitsstunden pro Tag. Da sind noch fünfzehneinhalb Stunden, an welchen ich auch bei einem «Nicht-Papitag» Vater bin. Bei den Tagen, an welchen der Kleine betreut ist, gibt es zudem immer noch Morgen und Abend. Da löst sich mein Vatersein nicht in Luft auf. Und Erziehungsfragen beschäftigen auch während dem Arbeiten. Dazu gibt es die Nächte, auch mal mit Geschrei und mit-Kind-im-Arm-im-Kreis-Gehen wie ein Tiger im Käfig, dazu sonor Melodien summend.

Also: Ich habe keinen Papitag. Ich bin Vater. 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Und ich liebe es. Dazu arbeite ich, ja. Aber auch währenddessen bin ich Vater. «Papitag» steht für «ein Tag Papa spielen pro Woche, Mama stellt das Essen bereit und Papa gibt den oder die Kleinen am Abend wieder ab». Nein. Sagen Sie bitte nie wieder «Papitag», es ist so etwas von entwertend und verniedlichend.

Die Situation ansprechen: Bitte, nur zu

Man mag vielleicht berechtigt einwenden, es sei doch immer noch die Ausnahme, dass Väter werktags die Elternrolle übernehmen und da solle man doch diese Besonderheit ansprechen können, sogar anerkennend benennen dürfen? Nur zu. Aber es gibt Alternativen zum «Das-sollst-du-nicht-sagen-Wort»: Fragen Sie, wenn es Sie interessiert, wie der Papi sein Vatersein und die Arbeit unter einen Hut bringe. Oder noch besser: Wie das Elternpaar sich Erziehung und Haushalt aufteile oder an welchen Fragen sie sich aufreiben.

Und fragen Sie eine Mutter nach ihren Arbeitstagen oder überhaupt ihrem Leben neben dem Muttersein. Denn die Frage, wie Eltern ihr Elternsein in ihr Leben integrieren, welche Fragen sie wie beantworten und wie sich der Alltag ändert, interessiert zugegebenermassen auch mich. Denn es ist manchmal ganz schön anstrengend. Aber zu feiern, wenn ein Vater seine Vaterschaft in sein Leben integriert, das ist doch ein ziemlich seltsames Verhalten, nicht?

So, und morgen geniesse ich unbeschwert meinen Papitag – ups. Sorry, meine ungestörte Zeit mit Sohn. Klingt jetzt aber ja irgendwie auch umständlich. Hm. Aber Sie wissen, was ich meine. Es regt mich einfach auf, dass dieses Genderzeugs immer und immer wieder benannt und diskutiert werden muss und doch kaum Änderung in Arbeitsbedingungen und Denken stattfindet.

Kleinkarierter Zuckerphobiker? Schliesslich erhält mein Kleiner auch keinen Alkohol

Da geniesst meine Kollegin ein Glace. Der Kleine auf meinem Arm strampelt dermassen, dass ich ihn erst im Nachfassen vor dem Sturz retten kann. «Da-da-da» – er will vom Glace. Unbedingt. Aber er weiss doch überhaupt noch nicht, was ein Eis ist, wie das schmeckt, wie süss das ist und überhaupt. Meinte ich. Einer der elterlichen Grundsätze schmilzt dahin, auch Schokolade kennt der Eineinhalbjährige bereits. Von den Grosseltern, den Nachbarn, dem Onkel, der Tante oder sonstwem. Jetzt habe ich den Salat (den mag er glücklicher- und seltsamerweise auch, vor allem die salzige Sauce).

Vom Glace gibt es nicht, die Ablenkung mit dem Pfirsich funktioniert, denn das Auffinden des Steins ist momentan ein Highlight, das mehrmals täglich zelebriert wird: mit Zwetschgen, Kirschen, Pflaumen, Nektarinen und Oliven. Alles, was Stein hat, ist Trumpf – «tei - tei - tei». Das Eis ist vergessen.

Als Anfänger-Papa lerne ich: Regeln und Grundsätze lassen sich aufstellen, aber ich bringe nicht alle durch. Denn dazu müsste ich erstens dem Kleinen einen Katalog der ungeschriebenen Regeln umhängen und zweitens darauf zählen, dass sein gesamtes Umfeld die Regeln gutheisst und mitmacht. Natürlich gehe ich davon aus, dass wir Regeln aufstellen, die selbstverständlich sind, die man «halt so hat» als Eltern. Keine Füsse auf den Tisch, Sitzen im Kinderwagen und kein Süssgebäck zum Beispiel. Und den Nuggi gibt's nur liegend, im Wagen oder im Veloanhänger. Aber mit dem «halt so haben» ist das so eine Sache. Da haben halt alle ein bisschen ein anderes Verständnis. Damit umzugehen fällt mir schwerer als dem Kleinen.

Der Kinderwagen als Segway

Zum Beispiel der Kinderwagen: Bei uns ist der Kleine jeweils angegurtet. Sein Grossvater fährt ihn auch mal stehend (der Kleine steht im Wagen, schaut stolz in die Ferne und wird geschoben). Als der Kleine freudig den Nachbarn über die Strasse winkt, haben uns diese erstaunt von den Fahrkünsten des Kleinen im Stile eines Segway-Touristen erzählt. Tratschtanten. Wir haben dann dem Grossvater nochmals sauber erklärt, wie die Gurtschnalle funktioniert.

Oder das Einschlafen: Wir sind glücklich darüber, dass er es jetzt alleine kann. Kaum bei den Grosseltern, wird er in den Schlaf gewiegt. Nicht, weil er es verlangt hätte, sondern, weil sie es geniessen, ihn bei sich zu haben. Obwohl wir anfangs irritiert waren – dem Kleinen haben wir nichts angemerkt. Auch beim vorangegangenen Beispiel, dem Wagen: Bei uns kein Problem mit Anschnallen. Oder das Zeichnen: Bei uns gilt das Blatt, bei den Nachbarn die Wand als Malfläche. Kein Problem, der Kleine akzeptiert und differenziert.

Da gilt dieses und dort jenes. Ist doch einfach

Das Geregle lässt sich also entspannter regeln. Unsere Regeln müssen nicht überall gelten. Gebe ich Verantwortung ab, und es ist ein Privileg, das zu können, bin es auch nicht mehr ich, der die Regeln macht. Der Kleine hat das schon längst begriffen, wir hinken da als Eltern etwas hinterher (wobei meine Frau das sehr viel schneller hinbekommen hat als ich).

Nuggi: Nein. Ja. Vielleicht. Ach, da, saug!

Aber, und ja, es gibt ein Aber: Nicht jede Regel oder jeden Grundsatz können wir einhalten. Leider wird es dann kompliziert und der Kleine ist erst konfus und nutzt es dann aus: Das mit dem Nuggi beispielsweise kriegen wir nicht hin. Nur im Liegen? Schön wär's. Es ist schlicht zu bequem und zu beruhigend, ihm den Nuggi auch mal während dem Kochen oder nach einem kleinen Sturz zu geben. Für den Kleinen ist das vermutlich ähnlich wie mit dem Zucker, da steckt nicht nur Erziehung, sondern eine Sucht dahinter. Saugen beruhigt unheimlich. 

Zucker. Bitte homöopathischer. Bitte.

Die heutigen Nuggis sind ja auch ganz okay, für das Gebiss ist das fast gar kein Problem mehr. Im Gegensatz zum Zucker, der bringt nicht nur die Stimmung durcheinander, sondern frisst sich auch in die Zähne und ruft richtiggehend Suchtsymptome hervor: Kennt der Kleine was mit Zucker, sieht er was mit Zucker, will er dieses Dings mit Zucker. Schokolade, Eis, Kuchen. Und das lässt sich auch nicht mehr abtrainieren. Und dann wird's anstrengend, ich will die Regel vorderhand nicht anpassen – das wird wohl ein langer Kampf um die Dosierung, Homöopathie wär mir hier recht. Was tun wir, wenn das Ablenken mit einer Steinfrucht nicht mehr hilft? Ich male mir schon die übelsten Ablenkmanöver aus.

Hier bräuchten wir etwas Unterstützung aus dem Umfeld, warum sind da andere nicht auch strenger? Neulich, Treffen mit Kollegen und ihren Kindern. Die gesamte Schar am Glacestand. Ein Grossteil der Kinder ist noch nicht 2 Jahre und alle schlemmen Eis. Oder letzthin in der Badi, die Kinder von Bekannten schlemmen sich durch die Gummischlangen.

Vor meinem geistigen Auge trinken sie mit 13 Jahren ein Flügel-Softgetränk zum Frühstück und knallen sich nachher ein Ritalin, damit sie im Klassenverband erträglich sind. Bin ich ein kleinkarierter Zuckerphobiker? Aber schliesslich gibt man den Kleinen auch strikt keinen Alkohol. Und dies, obwohl sie das Bierfläschchen oder das Weinglas immer superinteressant finden. Ich meine, bei allzu Süssem sollte man ähnlich strikt sein. Aber da ist eben das ältere Geschwisterchen und die eigene Lust auf das Eis. Ohlala.

Jetzt bin ich alarmiert und achte auf Minenfelder im Bekanntenkreis

Und jetzt plötzlich schwant es mir, ganz unabhängig vom Zuckerproblem: Der wohl wirklich harte Teil der Erziehung ist, die eigenen Grundsätze und Regeln durchzusetzen, auch wenn der Kleine andere Welten kennt und angenehmer findet. Ich, der Papa-Anfänger, schicke etwas Energie an mein künftiges Ich, mache mich daran, mein Regelwerk zu hinterfragen und vor allem abzuchecken: Wer ist verbündet im Bekanntenkreis – und wo gilt es, welche Minenfelder zu umschiffen? Es wird spannend. Schliesslich habe ich wohl nur eine schwache Ahnung davon, was auf mich zukommen wird, wenn der Kleine älter ist. Uiuiui.

Und was gibts bei euch, Stammhalter oder Prinzessin?

Neulich an einer Hochzeit fragte mich Andrea: “Und bei euch, es Büebli oder es Meitli?”, wobei sier den roten Fussnagel des kleinen Geschöpfs musterte. Ich antwortete standesgemäss, fragte zurück und das Gespräch führte vom Alter über die Schlafgewohnheiten hin zu der Integration in der Nachbarschaft und war auch bei den hilfsbereiten Grosseltern noch nicht zu Ende. Wie Eltern-Smalltalk eben so ist. Aber: Dieses ständige “Es Büebli oder es Meitli?” nervt mich. Ein Kind, herrgottnochmal.

Ich erinnere mich auch an die ersten Gespräche, nachdem die Schwangerschaft meiner Frau bekannt war: “Was gibts?”. Wir wusstens nicht. Ein Mensch halt. Wir wussten nicht mal, ob das Kleine gesund ist. Die Ärztin bereitete uns irrtümlicherweise auf irgendeine Unstimmigkeit vor. Übers Geschlecht hätte sich unverfänglich sprechen lassen. Es scheint eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Eine kleine Ballerina oder ein Autorennfahrer?

Auch mein Freund John wird Vater. Er meinte kürzlich, er müsse unbedingt wissen, ob es einen Jungen oder ein Mädchen gäbe, schliesslich habe er eine klare Präferenz und wolle sich im Falle einer Enttäuschung darauf vorbereiten können - um dann den oder die Kleine trotzdem mit Liebe empfangen zu können (welche Erwartungen wohl hier mitschwingen?).

Am liebsten würde ich das Geschlecht unseres Kleinkindes noch immer geheim halten, auch jetzt, über ein Jahr nach der Geburt. Weil ich finde, dass es bei einem Kleinkind Typischeres, Spannenderes und Mitteilungswürdigeres gäbe als sein Geschlecht. “Es Büebli oder es Meitli?” “[Geht dich einen Scheissdreck an!] Ein Mensch”.

Noch wird mein_e Klein_e manchmal als Mädchen wahrgenommen, manchmal als Junge. Je nachdem, welche Kleidung ersie gerade nachträgt. Biologisch ist er eindeutig ein Junge, ich muss mir also nicht den Kopf zerbrechen am Widerspruch der gesellschaftlichen Erwartungen und der Realität meines Jungen und auch keine weiteren Pronomen verunstalten. Gemäss Wikipedia lässt sich jedoch jedes fünfhundertste Kind nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen (intersexuell). Je neuer die Studie, desto höher auch der Prozentanteil an Menschen, die sich nicht jenem Geschlecht zugehörig fühlen, welches ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde (transsexuell). Das Geschlecht ist also nicht schwarz-weiss, sondern fliessend. Hinzu kommt die Liebe, deren Bild ist bei uns noch immer heteronormativ. Wie sich das bei meinem Kleinen entwickelt, wird sich zeigen. Doch das ist noch nicht einmal der Kern der Diskussion und zielt auch an den allermeisten vorbei. Aber, angenommen John kriegt geschlechtlich ebenfalls eindeutigen Nachwuchs - warum soll dann der Junge von seinem ganzen Umfeld mit Baggern, Raubtieren und Autos beschenkt werden und das Mädchen mit Puppen, Blumen und Rüschchen-Kleidung? Warum soll er bei einem Mädchen ohne schlechtes Gewissen die Haare aus dem Gesicht frisieren dürfen und bei einem Jungen nicht? Diese Geschlechterrollen engen doch ein, oder? Sie zwängen die Kleinen in eine Identifikation, die vielleicht so gar nicht zu ihnen passt. Rosarot beispielsweise, so behaupte ich nach meinen nicht repräsentativen Beobachtungen im Bekanntenkreis, ist die Lieblingsfarbe nahezu aller kleinen Kinder.

Das ist für mich der Kern: Warum den Kleinen die Welt nur zur Hälfte öffnen? Warum ihnen gewisse Dinge verweigern, weil sie zu bübisch oder zu mädchenhaft sind? Warum ein schwarz-weiss-Denken forcieren, wenn doch gerade heute Offen- und Freiheit, Empathie und Toleranz als essentielle Werte verstanden werden wollen? Warum sollen sich die Kleinen an diesen fixierten Rollenbildern orientieren? Weil sie Orientierung brauchen? Echt jetzt? Leute, die sich nur über ihr Geschlecht definieren, sind mir suspekt und das entsprechende Gehabe scheint mir oft mit irgendeinem Defizit verbunden. Wollen wir das den Kleinen wirklich in die Wiege legen? Kleine, vulgäre Machos und kleine, narzistische Prinzessinnen herandressieren?

Ich wünschte mir weniger geschlechterfixierten Smalltalk, weniger geschlechterfixierte Kleidung, weniger Rollengezwänge gegenüber den Kindern (so geschehen im Bekanntenkreis: Der Kleine küsste ein Mädchen “Wow, der legt sich aber ins Zeug, chapeau!!” der Kuss wird bestärkt; higegen als die Kleine einen Jungen küsste: “Ohlala, ganz schön offensiv die Kleine, da müsst ihr aber aufpassen!” - hier ist der Kuss was schlechtes).

Aber man sollte bei sich anfangen. Das ist ja das Ungerechte am Eltern-Sein. Man findet sich gern in Rollen, die man nie hätte spielen wollen oder die man in der Theorie anklagt. Aktuell: Das Vorbild des vollzeit  arbeitenden Vaters in einer traditionellen Rollenteilung. Meine Frau und ich leben diesbezüglich momentan wie es vermutlich bereits unsere Grosseltern taten. Fiese Gesellschaft.

Und ob John nun das Geschlecht seines Nachwuchses bereits im Mutterleib kennt oder darauf verzichtet: Damit verändert sich kaum was an den Genderschranken. Aber wenn unsere Söhne ein Röckchen anziehen möchten oder gerne mit Puppen spielen, wenn sie erste Freunde und Freundinnen nach Hause bringen oder wenn sie ihr Hobby und später ihren Beruf wählen, dann wünsche ich mir, ohne Genderschranke darauf reagieren zu können. Mindestens das will ich hinkriegen. Da müssten wir uns als Gesellschaft gegenseitig ein bisschen helfen. Seid ihr dabei?

Danke übrigens an Andrea, dass der rote Fussnagel meines Sohnes so liebevoll angenommen wurde, das ist ein Anfang, er freute sich nämlich sehr über diesen Farbpunkt.

Laura Mvula am Blue Balls: Mvula hätte mehr verdient als das elitäre Blue Balls Publikum

Laura Mvula war der letzte Act des Blue Balls im Konzertsaal des KKL. Sie war brillant, die Band grandios, das nicht sehr zahlreiche Publikum dem Ganzen jedoch nicht gewachsen. Auch eine Publikumskritik.

 

Treibende Beats, melodiöses Cello und eine Stimme, die unter die Haut geht

Das diesen Frühling erschienene und von Sony produzierte Album „The Dreaming Room“, eingespielt mit dem London Symphony Orchestra, versprach Grosses. Laura Mvula und ihre achtköpfige Band, darunter Bruder James am Cello und Schwester Dionne an der Gitarre, lösten das Versprechen ein und machten den Auftritt zum Ereignis und einem würdigen Abschluss des Festivals.

Mvulas Songs strotzen von einer authentischen Dramatik, die Beats und Melodien liefern sich ein treibendes Wettspiel um im richtigen Moment zum Boden einer Stimme zu werden, die in ihrer Ausdruckstärke Hühnerhaut bereitet. Live war einzig der Hall teilweise etwas zu viel des Guten, man hätte sich hier etwas mehr stimmliche Authentizität gewünscht. Der Konzertsaal des KKL wäre dafür prädestiniert gewesen.

Absolut fesselnd aber auch live, wie Mvula Soul, Pop, Funk und jazzige Elemente des Gospels kombiniert und elektronisch anreichert. Subtil und tief dringend dann der Groove und die Verletzlichkeit von sanfteren Songs wie „Father, Father“ aus dem Debütalbum oder vor allem auch „People“, welche am Blue Balls die stillen Höhepunkte des Abends markierten.

Appell an die Menschlichkeit, die Freude und die Hoffnung

Ihr Auftritt war sympathisch und authentisch. Auch wenn es ihr das Publikum mit seiner Distanziertheit und falschen Skepsis nicht einfach machte. Mvula stellt ihre Musik ins Zentrum und macht kein grosses Tamtam drumrum.

Dennoch war es ihr ein Anliegen, angesichts des Weltgeschehens an die Menschlichkeit zu appellieren, diese gelte es zu feiern. Sie hoffe, dass die eine oder der andere aus diesem Konzert etwas Freude und Hoffnung mitnähmen. Sie lese zur Zeit viel von James Baldwin, einem afroamerikanischen Schriftsteller der 50er Jahre. Es sei erschreckend, wie relevant seine Texte und wie aktuell seine Erfahrungen noch heute seien.  Mvulas Statements zu Rassismus und Sexismus bringen die Ernsthaftigkeit und die Authentizität auf den Punkt, die auch ihre Songs so lebensecht, anziehend und wirkungsvoll machen.

Ein Hauch von Niles Rodgers und Prince

Mvula ist zweifelsohne eine Ausnahmeerscheinung. Sie hat Komposition studiert, einen Gospelchor unterrichtet und ist ausgebildete Pianistin und Violonistin. Musikalisch wird Mvulas Musik oft mit Nina Simone oder Billie Holiday verglichen. Dass sie aber unter anderem Rodgers und Prince zu ihren Fans zählen darf respektive durfte, deutet ihre Eigenständigkeit an. Rodgers wirkte denn auch am Song „Overcome“ mit und eine Version mit Prince liege in ihrem Email-Fach verriet Mvula – irgendwann werde sie den mit uns teilen, versprach sie.

Zurückhaltendes, angegrautes, elitäres Publikum

Nachdem Mvula 2013 als Newcomerin das Aushängeschild des Blue Balls war und danach im Luzerner Saal enttäuschte, lieferte sie heuer einen imponierenden und hoch professionellen Auftritt. Dennoch war es der falsche Ort und das falsche Publikum.

Dieses war elitär, zahlungskräftig und grau; wenn nicht erstarrt, dann stumm nickend und den Takt auf die Armlehne klopfend. Es war definitiv ein Arbeitsauftritt für Mvula und ihre achtköpfige Band. Immer wieder fragte sie beim Publikum nach, ob es noch wach sei. Sie möge ihre Live-Auftritte sehr und freue sich immer darauf, aber nun sei sie sich nicht sicher, ob man sich hier auch freue, es sei so gespenstisch ruhig – stilles verlegenes Kichern im Publikum. Ob man denn den nächsten Song kenne? Ein verhaltenses „YEES!“ aus dem Publikum. Sie animierte zum Mitsingen – es kam nichts. Man dürfe auch einfach „lalala“ singen, versuchte Mvula die Situation zu retten worauf das Publikum sich tatsächlich etwas lockerte. Die Band animierte zum Mitklatschen, die Armlehnen im Konzertsaal verhinderten jedoch, dass das Publikum den Rhythmus traf. „Do you wanna be free?“ fragte Mvula – aber das Publikum blieb gefangen sitzen in seinen Sesseln zwischen den Armlehnen. Nach einer Stunde dann endlich: Eindringlich betonte Mvula, sie hätte den nächsten Song – notabene den zweitletzten des Abends – zum Mittanzen geschrieben. Das Publikum erhob sich und fühlte plötzlich erstaunt, wie schön und befreit die vorangegangene Stunde sich hätte anfühlen können. Ob es das Durchschnittsalter, die Ticketpreise oder schlicht der Ort war – es lässt sich nur spekulieren. Aber die Vorstellung ist schön: Mvula an einem Open Air mit jungem, enthusiastischem Publikum – es ist vermutlich eine Wucht. Und vielleicht ein leiser Wink an die Festivalleitung, künftig erschwingliche Preise für Auszubildende anzubieten. Mvulas nächster Live-Auftritt ist dann wohl auch eher nach dem Geschmack der Sängerin: Am 12. August spielt sie auf der Hauptbühne am Flowfestival in Helsinki.

Strassentheater Compagnie Trottvoir: «Am Anfang wurde das Universum erschaffen – das macht heute noch Leute hässig»

Die Compagnie Trottvoir gastiert wieder in Luzern. Noch bis Sonntag zeigt das 10köpfige Zirkustheater jeweils um 16 und 20 Uhr seine neue Produktion „Überall niemand“. Während der 45-minütigen zirzensischen Performance begeistert die Show durch ihr harmonisches Zusammenspiel von poetischen Bildern, gesellschaftskritischen Ausrufen und gekonnter Artistik.

Eine eigentliche Geschichte gibt es nicht. Das Stimmengewirr, der Lärm. Die Ruhe. Die Pausen. Und immer wieder eine dynamische, präzise Körperlichkeit. Davon lebt „Überall niemand“. Wenn am Schluss der eine sagt „Ich habe das Spiel gewonnen“ – so ist es Ausdruck der gelungenen Darbietung, dass das Publikum zusammenfährt und erstmal betroffen schweigt, bevor der Applaus über den Platz brandet.

 

Nachdenkliche, namenlose Träumer

Von weitem fällt die gewaltige Menschenmenge auf dem Jesuitenplatz auf – zählen ist genauso unmöglich wie ein Durchkommen. An der Spitze der Menschentraube ein Zirkuswagen, eingekleidet mit Wellblech. Links und rechts ein hohes Gerüst, auf dem einen ein Trapez, auf dem anderen Schlagzeug, Bass und Gitarre.

Das Ensemble stürmt den Platz. Unverständliches Geschrei, ein Geknäuel. Dann plötzliche Stille. Manchmal habe er den Wunsch, „die Ohrstöpsel ins Ohr zu stecken, den Pamir drüber zu stülpen und den Kopf tief ins Wasser zu drücken. So lange, bis alles farbig wird. Wunderschön farbig“. Er ist namenlos, wie überhaupt alle im Stück. Es geht ums Mensch-Sein, um Macht, um Spiel, um Ohnmacht, um Grenzen und das Überschreiten ebensolcher.

„Wir sind Träumer – vollgas und risikoreich!“ wird begeistert kundgetan. Und die Truppe träumt, musiziert und spielt in einer Mischung aus Bewegungstheater, Zirkus und Performance. Vertikaldiabolo und Trapez beispielsweise wird auf bestechendem Niveau gezeigt. Immer wieder blitzen in der 45minütigen Show neben dem artistischen Können gesellschaftliche Themen auf – hierbei fasziniert die gefundene Balance zwischen kryptischem Ausdruck und spitzen Monologen.

Experimentelle Gesellschaftskritik und prägende Bilder

„Am Anfang wurde das Universum erschaffen – das macht heute noch Leute hässig“; es sind pointierte Aussagen wie diese, welche dem Schemenhaften der Show eine wage Form geben und die fragende und suchende Haltung der Truppe zum Ausdruck bringen.

„Überall niemand“ unter der Regie von Damian Dlaboha unterscheidet sich stark von den bisherigen Trottvoir-Produktionen. Die Artistik beschränkt sich auf Akrobatik, Keulenjonglage, Diabolo und Trapez. Weder Kunsträder noch Zauberei, weder Hutjonglage noch Einrad sind mit auf der Tour. Keine Freude, kein Gute-Stimmung-Spektakel, keine fassbaren Personen stehen auf dem Programm. Es ist Dynamik, Politik, Kunst. Aber auch Bewegungstheater, Musik, Wagnis und Experiment. Mutig und ein starkes Stück Theaterperformance. Trotz der Schwere des Stücks gelingt es, auch die Kleinsten im Publikum zu Begeistern – starke Bilder, gelungene Publikumsinteraktionen und feiner Humor durchweben die Show.

„Überall niemand“ lädt zum Stehenbleiben und begeisterten Zuschauen ein – um dann mit Exekutions-Explosionen zum Weiterdenken und Hinterfragen anzuregen, denn „niemand trägt die Schuld – aber alle tragen mit“. Wer sich darauf einlässt, freut sich über eine Performance, die sich nicht mit Spektakel begnügt.

Die Compagnie Trottvoir – eine bunte und vertraute Truppe

2011 wurde das Ensemble der Compagnie Trottvoir von ehemaligen und bestehenden Mitgliedern des Jugendzirkus Tortellini aus Luzern gegründet. Noch heute sind 6 der 10 Trottvoirs ehemalige Tortellinis – inzwischen sind fast alle hauptberuflich in den darstellenden Künsten tätig. Als Compagnie Trottvoir sind die Artistinnen und Artisten noch bis Ende August unterwegs. Die Tournée führt quer durch die Schweiz. Nächster Halt nach Luzern ist am 02. August St. Gallen.

Eintritt frei – Kollekte

Der Eintritt ist frei. Die Compagnie lebt aber hauptsächlich von den Einnahmen aus der Hutkollekte. Nur bei starkem Regen wird die Show nicht durchgeführt. Über Spiel oder Absage wird auf der Homepage informiert. Zum Schluss ein Tipp: Wer auf einem der Holzbänke vor der Bühne Platz finden möchte, muss rechtzeitig vor Ort sein. Die Luzerner Première war ein riesiger Publikumserfolg.

Eine 1. Klass-Weltreise mitten in die Katastrophe

Im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums des Schweizerischen Roten Kreuzes ist im Verkehrshaus Luzern noch bis zum 17. Januar 2017 die sehenswerte Sonderausstellung „Weltreise Rotes Kreuz“ zu sehen. Auf einer interaktiven Reise erfährt man, wie das SRK Menschen in den ärmsten Regionen weltweit vor Katastrophen schützt und wie diese Arbeit künftig aussehen könnte.

Raus aus der Komfortzone

Ein Sofa, der Fernseher davor. Die Ausstellung beginnt im Wohnzimmer. Da, wo es behaglich ist. Was auf dem Bildschirm erscheint, lässt die Katastrophen erahnen, bei welchen das Rote Kreuz täglich Nothilfe und Präventionsarbeit leistet: „Das Luzerner Seebecken wird evakuiert – 30x im Jahr“, „Im Seeland regnet es zwei Jahre nicht“, „An der Basler Fasnacht bebt die Stadt - Münsterund Roche-Turm sehen jetzt ähnlich aus“. Als Besucher wird man sprichwörtlich aus seiner Komfortzone gerissen. Ein Ticket holt einem weg vom Sofa. Es geht auf Weltreise: Äthiopien, Ghana, Haiti, Honduras, Nepal und Philippinen. Knappe Ressourcen, Epidemien und Armutsblindheit, Hurrikane und Erdbeben, Erdrutsche und Strassengangs, Monsun und Müll, Taifune und Hochwasser.

 Sorgfältige Inszenierung und eindrückliche Medien

Die Reisedestinationen bestehen aus einem Strichcodelesegerät und einem Bildschirm. Nach dem Einlesen des Tickets schlüpfen die Besucherinnen und Besucher in die Rolle der Reisenden. Über grosse Buttons werden diverse Reise-Entscheidungen getroffen. Gehe ich mit ins Dorf? Nehme ich Flugzeug oder Bus? Helfe ich der Schwangeren beim Ausstieg aus dem Boot?

Grossformatige Bild- und Textkompositionen informieren über zentrale Herausforderungen des bereisten Landes. Per Knopfdruck lernt man auf einem weiteren Bildschirm Projekte des Roten Kreuzes und betroffene Menschen kennen.

Gekonnt ist auch die Verknüpfung mit der Lokalität der Ausstellung: Nachbauten typischer Verkehrsmittel aus den bereisten Ländern lassen aus dem Fenster blicken und die Landschaften ihre eigenen Geschichten erzählen.

 Das SRK künftig gegen Biorobotic und zwischen Ressourcenkriegen?

Am Ende der Weltreise nimmt der fiktive Henri Dunant die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Zeitreise mit entscheidenden Stationen des Roten Kreuzes. Wohin es geht auf dem Zeitstrahl, das entscheidet das Publikum selber. Zurück ins Jahr 1859 zur Schlacht in Solferino? Oder zum Erdbeben in Messina 1908?

Oder gar in die Zukunft? Dunant prophezeit 2055 gefährliche Medizinchips, die an mobilen Stationen weltweit rausopperiert werden müssen. Und 2066 wird das Rote Kreuz helfen müssen, wenn der grosse Krieg um die Ressourcen ausbricht.

Interaktives und persönliches Erleben

Die vielfältige Ausstellung will nicht nur die Katastrophen und das Engagement in der Nothilfe zeigen. Es sind Präventionsprojekte, die genauso im Fokus stehen.  Risikoanalysen, Bildungsmöglichkeiten und Aufforstungsprogramme gehören unter anderem dazu.

Das Entscheiden-Müssen, das Mitreisen in länderspezifischen Verkehrsmitteln und die persönlichen Geschichten von Betroffenen sowie der Einblick in aktuelle Projekte lassen Besucherinnen und Besucher die Länder, deren Bewohnerinnen und Bewohner sowie Herausforderungen erleben. Der Ausstellung gelingt die Balance zwischen Unterhaltung, Information und nie aufdringlicher Werbung für die Organisation an sich ausgezeichnet. Etwas seltsam mutet einzig an, dass die Reise in die Katastrophengebiete quasi in der ersten Klasse angetreten wird: Die Ausstellung ist piekfein, perfekt orchestriert und hochwertig ausgestattet. Der krasse Gegensatz zwischen dem Gezeigten und dessen Darstellung irritiert, was aber passend ist in unserer Welt voller Ungleichheiten.

 Unterlagen für Schulen und Lehrpersonen

Die Ausstellung liefert neben vertiefenden Informationen auf der Webseite weltreiseroteskreuz.ch auch Arbeitsblätter und Vorbereitungsmaterial für den Besuch.

 

Das Reh – Hagens Körperwelten am Wildtier

Noch bis zum  30. Oktober 2016 zeigt das Naturmuseum Luzern die Wanderausstellung „Das Reh – Durch Anpassung zum Erfolg“. Die kleine Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion der Naturmuseen Olten und Thurgau.

Die lebensechten Präparate sowie die eindrücklichen Fotografien sind das Highlight der Sonderausstellung. Zudem ermöglichen unter anderem das Plastinat eines Rehmagens oder auch die sichtbar gemachten Blutgefässe am Rehkopf einen ungewöhnlichen Blick auf das bekannte Wildtier. Die durchaus informativen Texte und digitalen Medien hingegen wirken leider etwas altbacken.

Spannende Informationen

Wie läuft eine Rehgeburt ab und wie schaut diese aus? Wie klingt das Fiepen einer Rehgeiss oder der Kontaktlaut des Kitzes? Wie erkennt man eine Rehspur? Was frisst ein Reh und wie schaut Rehkot aus? Warum wird das Reh vom Menschen gejagt und weshalb ist der Luchs mitverantwortlich für die Rehpopulation?

Das Reh, die häufigste wildlebende Huftierart der Schweiz, ist bekannt und weit verbreitet. Dennoch gibt es viel Neues zu entdecken in der Ausstellung des Naturmuseums. Im Raum für Sonderausstellungen im Parterre finden sich grossflächige Bilder, Holzkästen mit Infotexten, Videos und Gegenstände rund ums Reh sowie Präparate, die die Verhaltensweise des Rehs lebensecht darstellen.  

Neue Blickwinkel

Sehr anschaulich zeigt die Ausstellung dank Tierpräparaten dieBesonderheiten des Rehs. So ermöglichen beispielsweise die beiden Präparatorien des Anatomen Gunther von Hagens (bekannt durch die Ausstellung „Körperwelten“) zum einen den Blick in die Magenkammern des Rehs und zum anderen wurden in einem speziellen Verfahren die Blutgefässe des Rehkopfs- und Geweihs sichtbar gemacht.

Ein Puzzle animiert die Besucherinnen und Besucher zudem herauszufinden, was das Reh frisst und was es verschmäht. Ein Geweih liegt bereit zum Ertasten und Hörbeispiele wie Filmaufnahmen lassen tiefer in die Welt des Rehs hören und blicken.

Für Kinder zu komplexe Texte und unglücklich präsentierte Videos

Obwohl die Ausstellung inhaltlich spannend und ästhetisch gelungen ist, bleiben Makel. Die gezeigten Videos sind äusserst kleinformatig und teilweise tonlos. Zudem sind sie nur im Stehen und aus Erwachsenen-Perspektive gut zu sehen, aus der Sitzposition oder Kinderhöhe stimmt der Winkel nicht mehr und das Gezeigte ist kaum erkennbar. Auch die Infotexte sind etwas gar trocken in Fachsprache gehalten und beim Video mit dem eigentlich spannenden aber äusserst monotonen Interview eines Forstwarts bleiben auch beim erwachsenen Laien einige Fragezeichen. Der Spagat über das breite Zielpublikum vom Erwachsenen bis zum Kind gelingt nicht ganz. 

Einen Besuch wert

Dennoch lohn sich ein Besuch. Die hohe Qualität der Präparate ist äusserst beeindruckend, die säugenden Kitze beispielsweise sind allerliebst und der Luchs am Rehriss imposant.

Für Kinder jedoch steht weniger das Selber-Entdecken im Vordergrund, denn der grosse Teil des Ausgestellten darf nicht angefasst werden, die Videos sind klein und die Texte wie auch die gezeigten Interviews für Schüler kaum verständlich. So bleibt den jüngeren Besuchern das Bestaunen der beeindruckenden Präparate und das Zuhören, wenn die Begleitung das Gesehene erklärt. Für Schulklassen dürfte ein Besuch entsprechend nur mit einer Führung zum Erfolg werden. Dann aber erscheint das vertraute Wildtier in neuem Licht – spannend und lehrreich.

Ptydepe – Eine Kunstsprache versenkt die Menschlichkeit im Neubad

Damiàn Dlaboha (Regie), Béla Rothenbühler (Dramaturgie) und Livio Beyeler (Produktion) zeigen mit einem elfköpfigen Ensemble im Neubad in Luzern Václav Havels Tragikomödie „Die Benachrichtigung“ (uraufgeführt 1965). In seiner gut zweistündigen Abschlussinszenierung (Studium Regie an der ZHdK) gelingt Dlaboha eine überzeugende und sehenswerte Interpretation. Das junge Ensemble liefert ein kraftvolles Stück rund um Sprache und deren Missbrauch, Macht, Intrige, Sex und Bürokratie. Ein Ereignis ist auch die wirkungsvolle und perfekt ins Neubad eingepasste Bühne (Savino Caruso), die aber leider ihr Potential aufgrund des mageren Lichtkonzepts nicht ganz ausschöpfen kann. Dlaboha ist es gelungen, das Stück zeitgenössisch zu adaptieren, jedoch wirken die Geschlechter-Rollen antiquiert. Die Frauen sind Dummchen und die Männer machtgeil oder karrierefixiert. Versöhnlich: Beide Geschlechter verlieren sich gleichermassen in der Absurdität von Bürokratie und Entindividualisierung.

Ptydepe – eine Kunstsprache soll die Kommunikation vereinfachen
Emsig marschieren die Beamten auf ihren Turnschuhen, rhythmisch wird rasiert, Zähne geputzt, fliegen Dossiers um den Schreibtisch und rollen die Bürostühle auf den Kacheln der Neubad-Bühne. „Guten Morgen!“ wünscht man sich automatisiert. Das Publikum blickt auf einen ausladenden Bürotisch vor einer hohen, weissen Wand mit fünf Türen und einem Fenster, in welchem sich ein kleines, atelierhaftes Klanglabor befindet.

Gross (Jonas Götzinger), der Direktor des Amtes, sitzt mitten auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum. Eine Benachrichtigung in einer unverständlichen Sprache irritiert ihn. Die Assistentin meint gleichgültig, es sei wohl vergessen gegangen, den Direktor zu informieren. Hierauf verschwindet sie auf ihrem Bürostuhl rückwärts rasend von der Bühne, um kurz darauf Milch trinkend wieder hinein zu gleiten – so ist bereits zu Beginn klar: Das Erzählte ist grotesk und die Erzählweise absurd. Brillant die Idee, das ganze Geschehen in einen einzigen Raum zu packen und dem Publikum die Perspektive von Gross zu verpassen – sodass es ihm schon bald mit seinem Lachen gehörig in den Rücken fallen kann.

Im Amt wird die Kunstsprache „Ptydepe“ eingeführt. Dadurch soll die Kommunikation präzisiert und von den natürlichen Emotionen befreit werden. Denn „die natürlichen Sprachen sind ohne jede Kontrolle, mit anderen Worten: Unwissenschaftlich entstanden und damit in gewissem Sinn das Werk von Laien“.

Das Sprachexperiment wird zum Mittel für die Intrige von Gross’ Stellvertreter Balas und seinem Partner Kubsch. Direktor Gross ist der neuen Sprache nicht mächtig und so dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Die Anordnungen eines diffusen und gleichzeitig omnipräsenten „Oben“ nehmen ihren Lauf.

Der Mensch als Niemand in den Mühlen der Bürokratie
Die Kommunikation und die Sprache sollen professionalisiert und auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden –  das Vorhaben erweist sich als abstruser Spiegel einer „verwalteten Welt“.

Dlabohas Inszenierung verliert nach der Pause etwas an Schwung. Der inzwischen zum Direktor gewordene Balas befiehlt dem degradierten Gross „setz dich!“ und tatsächlich: Das Sitzen nimmt überhand auf der Bühne. Wenn Direktor Gross hier zu Balas sagt „mich irritiert ihre Ruhe!“ – so spricht er in diesem Moment die Gefühlslage des Publikums aus. Havels Mittel, den zweiten Teil parallel entlang dem ersten verlaufen zu lassen, scheint etwas hastig umgesetzt. Der abrupte Abgang und die Wandlung von Kubsch macht das Publikum vollends ratlos, zeigt aber gleichzeitig: Dieses Chaos ist gewollt. „Es scheint, die Dinge nehmen einen schnellen Verlauf“ kommentiert der neue Direktor treffend. Am Ende ist wieder alles wie zuvor. Auf diese Weise gelingt es trotz kurzem Hänger, die Apparatur zu demaskieren: Der Mensch als hilfloses Nichts seines selbst geschaffenen Bürokratie-Ungeheuers für sein Streben nach Perfektion, Macht und Kontrolle.

Sexsymbolik, House of Cards, lokaler Wahlkampf und ein Schuss Mani Matter
Als die Intrige zu Beginn des Abends ihren Lauf nimmt, beisst Kubsch unschuldig in den roten Apfel und beim Sturz des Direktors kürzt er kauend eine phallische Rübe. Das Interesse der Assistentin gilt neben der Milch den Weggli und Nüssen. Der jeweilige Direktor besitzt den Grösseren (Feuerlöscher) als sein Stellvertreter und die Milchflasche verkörpert Gross’ errigiertes Glied. Ein anderes Mal wird der Direktor von Kubsch dazu gezwungen, die Milch zu schlucken. Dabei erinnert er an die Stopfgans, welche im Amt auf dem Speiseplan steht. Weiter versetzt Dlabhoa seiner Figur Balas Attributte von Underwood aus der Netflix-Serie „House of Cards“ – ein topaktuelles Spiel von Macht und Intrige. Sogar der lokale Wahlkampf findet Eingang in die Inszenierung: Unter den Benachrichtigungen werden Wahlflyer über den Bürotisch gewirbelt.

Die Musik begleitet das Stück formidabel und trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, moderne Elemente in das 50jährige Stück einzubauen. In ihrem einem Morsebüro nachempfundenen Musiklabor fungieren Timo Keller und Mario Hänni als Beobachter und strebsame Ptydepe-Schüler. Ob ein Rhythmus mit Bleistiften, singende Saitenklänge, oder verzerrte live-Töne – die Musik überzeugt und schafft in Anlehnung an Morsezeichen und Matters Ballade „vo däm, wo vom Amt isch ufbote gsi“ einerseits ein passend psychedelisches Ambiente und schlägt anderseits den Bogen von damals zu heute.

Die zeitgenössischen Elemente illustrieren: „Die Benachrichtigung“ ist heute genauso aktuell wie damals in der Tschechoslowakei – Dlaboha und sein Ensemble beweisen dies mit ihrer Interpretation eindrucksvoll.

Ein gelungener Mix von Laien und Profis
Jonas Götzinger ist der einzige Profischauspieler im Ensemble der „Benachrichtigung“. Sein grossartiges und facettenreiches Spiel zieht die erfahrenen Laien mit, ohne deren Esprit und die Spielfreude zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die Truppe spielt erfrischend, das Zusammenspiel funktioniert.

«Die Benachrichtigung» ist das erste Projekt der Neubad-eigenen Förderplattform «Frische Kunst und Kultur im Neubad-Pool». Das war ein Start nach Mass und macht definitiv Lust auf mehr.

 

Die weiteren Vorstellungen von „Die Benachrichtigung“
im Neubad Luzern: 13.5. / 14.5.16 / auf der Bühne B in Zürich: 21.05.16
Reservationen: http://www.backstage-theater.ch/reservierung

Roboter entern unsere Geschichte

Das Fumetto – Internationales Comix-Festival in Luzern feiert dieses Jahr sein 25jähriges Jubiläum und umfasst 11 Hauptausstellungen sowie 55 Satelliten. Zum internationalen Staraufgebot der Künstler gehört auch der Schotte Tom Gauld. Mit der Ausstellung im Historischen Museum zeigt Gauld erstmals die fiktive und vermenschlichte Entwicklungsgeschichte der Roboter: Minimale Striche, britischer Humor und ein treffendes Arrangement vor teilweise jahrhundertealten Objekten lassen eine vielschichtige Ausstellung entstehen. Tom Gauld lässt sich, wenn auch etwas verhalten, erfolgreich auf eine neue Art des Erzählens ein.

Der studierte Illustrator schafft kleine Menschen, Roboter, Monster und Astronauten. Gezeichnet mit Tusche auf Karton oder Papier, gefaltet oder geschnitten. Vereinfachte Formen, reduziert koloriert, knappe Dialoge. Der Humor liebevoll und absurd. Unter anderem zeichnet Tom Gauld für das New Scientist magazine, The New York Times und The Guardian. Und jetzt lässt er seine Figuren im Historischen Museum erzählen.

Hier gilt es diese Figuren erst einmal zu entdecken. Der Ausstellungsbesuch ähnelt einer Schnitzeljagd, kleine Schilder weisen den Weg. Tom Gauld hat seine kleinen Beiträge in die Dauerausstellung des Museums eingebettet und hier inmitten von tausenden historischen Objekten platziert.

Als erstes begrüsst der göttliche Roboter in einer Reihe von Kruzifixen, der Symbolik für Opfertod und der Verbindung von Menschen und Erde, Gott und den Mitmenschen. Auch mitten in den Andachtsbildern finden sich Erklärungen zur fiktiven Evolution der Roboter – wobei hier die Maschinen realer erscheinen als die historischen Abbilder der Heiligen.

Weiter musste im Depot des historischen Museums der Zunftvater Fritschi mitsamt Maskerade aus seiner Schublade weichen, an seiner Stelle wird nun die fiktive Geschichte der Roboter vermittelt. Und während ein Nanoboter über die Unmittelbarkeit seines Endes aufgrund eines einfachen Niesens sinniert, stellt ein anderer direkt unter dem Buchdrucker-Ehepaar Räber-Leu fest, dass früher alles einfacher war „Back in the days when robots just did as they were told“.

Durch den ungewohnten Kontext gelingt es Gauld auf subtile Weise nicht nur grosse Fragen der Gegenwart zu touchieren, sondern das Erzählen von Geschichte und Geschichten an sich zu thematisieren. An was glauben wir? Was ist unsere Geschichte und wer erzählt sie? Wohin führt uns die technologische Entwicklung?

Die Art und Weise des Erzählens bricht mit der klassischen Comixform, Gauld nutzt den Raum für seine Comix-Installation gekonnt, jedoch hält der Betrachter mit dem am Eingang abgegebenen Scanner selber einen Roboter in der Hand, dessen Potential Gauld unbeachtet lässt. So übt der Scanner ausschliesslich seinen ursprünglichen Job aus und zeigt dem Besucher der Dauerausstellung fleissig Informationen zu den historischen Objekten an. Was aber wiederum seinen Reiz hat – der Besucher erinnert sich unweigerlich an den Roboter der Zukunft und dessen Gedanken an seine Vorfahren „when robots just did as they were told“.

Neben den gelungenen Platzierungen und den pointierten Comix tragen interaktive Elemente zur Vielschichtigkeit dieser Ausstellung bei: Eine Roboterzeichnung muss erst wie ein Buch geöffnet werden bevor sie ihr Innenleben preisgibt, Schubladen müssen hervorgezogen und ein Roboter kann gar selber umgebaut werden. Tom Gauld fordert die Betrachter zur Interaktion, die Besucher sind angehalten zu suchen, zu handeln und zu denken. Gaulds Beiträge bleiben dabei jedoch einfach und halten sich stets im Hintergrund.

Einerseits hat das Subtile in Gaulds Installation unbestritten seine Qualität und der Charakter der Schnitzeljagd mag Programm sein – die Umschreibung der Geschichte durch die Roboter erscheint so als ein schleichender, kaum wahrnehmbarer Prozess. Anderseits hätte der Bezug zur Geschichtsschreibung oder der gegenwärtigen Digitalisierung expliziter sein dürfen, die Gegenüberstellungen provokativer. Die Installationen und eingeschobenen Zeichnungen wirken teilweise sehr zaghaft.

Dennoch blitzen durch Gaulds Zeichnungen und Installationen unter den säuberlich angeordneten Reliquien des historischen Museums Themen und Fragestellungen der Gegenwart hervor. Die Ausstellung lohnt sich – einmal mehr hat das Fumetto mit Künstler und spezieller Location einen Volltreffer gelandet.

Gauld twittert, dass er am 23. und 24. April persönlich am Fumetto sein wird. Die Gelegenheit, um eine persönliche Buchsignatur zu erhaschen und vielleicht die eine oder andere Frage ganz retro und analog beantwortet zu bekommen.

 

 Der 1976 in Aberdeen geborene Künstler lebt mit seiner Partnerin und seinen beiden Töchtern in London.

Die aktuellsten Cartoons von Tom Gauld sind auf seinem Blog „You’re all just jealous of my Jetpack“ öffentlich zugänglich http://myjetpack.tumblr.com

Auf tomgauld.com finden sich weitere Informationen zum Künstler und seinem Portfolio.  

Tom Gauld. The Unknown History of Robots
Kuratoren: Olivier Bron und Simon Libermann

Historisches Museum Luzern
16.04.2016 – 21.08.2016
Di-So 10-17 Uhr
An Feiertagen auch montags geöffnet
 24.04.2016 um 11 Uhr Vortrag von Tom Gauld im Maskenliebhabersaal (Süesswinkel 7) in Luzern (englisch)

Das 25. Internationale Comic-Festival Fumetto findet noch bis am Sonntag, 24. April 2016 an diversen Ausstellungsorten in Luzern statt www.fumetto.ch.