Laura Mvula am Blue Balls: Mvula hätte mehr verdient als das elitäre Blue Balls Publikum

Laura Mvula war der letzte Act des Blue Balls im Konzertsaal des KKL. Sie war brillant, die Band grandios, das nicht sehr zahlreiche Publikum dem Ganzen jedoch nicht gewachsen. Auch eine Publikumskritik.

 

Treibende Beats, melodiöses Cello und eine Stimme, die unter die Haut geht

Das diesen Frühling erschienene und von Sony produzierte Album „The Dreaming Room“, eingespielt mit dem London Symphony Orchestra, versprach Grosses. Laura Mvula und ihre achtköpfige Band, darunter Bruder James am Cello und Schwester Dionne an der Gitarre, lösten das Versprechen ein und machten den Auftritt zum Ereignis und einem würdigen Abschluss des Festivals.

Mvulas Songs strotzen von einer authentischen Dramatik, die Beats und Melodien liefern sich ein treibendes Wettspiel um im richtigen Moment zum Boden einer Stimme zu werden, die in ihrer Ausdruckstärke Hühnerhaut bereitet. Live war einzig der Hall teilweise etwas zu viel des Guten, man hätte sich hier etwas mehr stimmliche Authentizität gewünscht. Der Konzertsaal des KKL wäre dafür prädestiniert gewesen.

Absolut fesselnd aber auch live, wie Mvula Soul, Pop, Funk und jazzige Elemente des Gospels kombiniert und elektronisch anreichert. Subtil und tief dringend dann der Groove und die Verletzlichkeit von sanfteren Songs wie „Father, Father“ aus dem Debütalbum oder vor allem auch „People“, welche am Blue Balls die stillen Höhepunkte des Abends markierten.

Appell an die Menschlichkeit, die Freude und die Hoffnung

Ihr Auftritt war sympathisch und authentisch. Auch wenn es ihr das Publikum mit seiner Distanziertheit und falschen Skepsis nicht einfach machte. Mvula stellt ihre Musik ins Zentrum und macht kein grosses Tamtam drumrum.

Dennoch war es ihr ein Anliegen, angesichts des Weltgeschehens an die Menschlichkeit zu appellieren, diese gelte es zu feiern. Sie hoffe, dass die eine oder der andere aus diesem Konzert etwas Freude und Hoffnung mitnähmen. Sie lese zur Zeit viel von James Baldwin, einem afroamerikanischen Schriftsteller der 50er Jahre. Es sei erschreckend, wie relevant seine Texte und wie aktuell seine Erfahrungen noch heute seien.  Mvulas Statements zu Rassismus und Sexismus bringen die Ernsthaftigkeit und die Authentizität auf den Punkt, die auch ihre Songs so lebensecht, anziehend und wirkungsvoll machen.

Ein Hauch von Niles Rodgers und Prince

Mvula ist zweifelsohne eine Ausnahmeerscheinung. Sie hat Komposition studiert, einen Gospelchor unterrichtet und ist ausgebildete Pianistin und Violonistin. Musikalisch wird Mvulas Musik oft mit Nina Simone oder Billie Holiday verglichen. Dass sie aber unter anderem Rodgers und Prince zu ihren Fans zählen darf respektive durfte, deutet ihre Eigenständigkeit an. Rodgers wirkte denn auch am Song „Overcome“ mit und eine Version mit Prince liege in ihrem Email-Fach verriet Mvula – irgendwann werde sie den mit uns teilen, versprach sie.

Zurückhaltendes, angegrautes, elitäres Publikum

Nachdem Mvula 2013 als Newcomerin das Aushängeschild des Blue Balls war und danach im Luzerner Saal enttäuschte, lieferte sie heuer einen imponierenden und hoch professionellen Auftritt. Dennoch war es der falsche Ort und das falsche Publikum.

Dieses war elitär, zahlungskräftig und grau; wenn nicht erstarrt, dann stumm nickend und den Takt auf die Armlehne klopfend. Es war definitiv ein Arbeitsauftritt für Mvula und ihre achtköpfige Band. Immer wieder fragte sie beim Publikum nach, ob es noch wach sei. Sie möge ihre Live-Auftritte sehr und freue sich immer darauf, aber nun sei sie sich nicht sicher, ob man sich hier auch freue, es sei so gespenstisch ruhig – stilles verlegenes Kichern im Publikum. Ob man denn den nächsten Song kenne? Ein verhaltenses „YEES!“ aus dem Publikum. Sie animierte zum Mitsingen – es kam nichts. Man dürfe auch einfach „lalala“ singen, versuchte Mvula die Situation zu retten worauf das Publikum sich tatsächlich etwas lockerte. Die Band animierte zum Mitklatschen, die Armlehnen im Konzertsaal verhinderten jedoch, dass das Publikum den Rhythmus traf. „Do you wanna be free?“ fragte Mvula – aber das Publikum blieb gefangen sitzen in seinen Sesseln zwischen den Armlehnen. Nach einer Stunde dann endlich: Eindringlich betonte Mvula, sie hätte den nächsten Song – notabene den zweitletzten des Abends – zum Mittanzen geschrieben. Das Publikum erhob sich und fühlte plötzlich erstaunt, wie schön und befreit die vorangegangene Stunde sich hätte anfühlen können. Ob es das Durchschnittsalter, die Ticketpreise oder schlicht der Ort war – es lässt sich nur spekulieren. Aber die Vorstellung ist schön: Mvula an einem Open Air mit jungem, enthusiastischem Publikum – es ist vermutlich eine Wucht. Und vielleicht ein leiser Wink an die Festivalleitung, künftig erschwingliche Preise für Auszubildende anzubieten. Mvulas nächster Live-Auftritt ist dann wohl auch eher nach dem Geschmack der Sängerin: Am 12. August spielt sie auf der Hauptbühne am Flowfestival in Helsinki.

Strassentheater Compagnie Trottvoir: «Am Anfang wurde das Universum erschaffen – das macht heute noch Leute hässig»

Die Compagnie Trottvoir gastiert wieder in Luzern. Noch bis Sonntag zeigt das 10köpfige Zirkustheater jeweils um 16 und 20 Uhr seine neue Produktion „Überall niemand“. Während der 45-minütigen zirzensischen Performance begeistert die Show durch ihr harmonisches Zusammenspiel von poetischen Bildern, gesellschaftskritischen Ausrufen und gekonnter Artistik.

Eine eigentliche Geschichte gibt es nicht. Das Stimmengewirr, der Lärm. Die Ruhe. Die Pausen. Und immer wieder eine dynamische, präzise Körperlichkeit. Davon lebt „Überall niemand“. Wenn am Schluss der eine sagt „Ich habe das Spiel gewonnen“ – so ist es Ausdruck der gelungenen Darbietung, dass das Publikum zusammenfährt und erstmal betroffen schweigt, bevor der Applaus über den Platz brandet.

 

Nachdenkliche, namenlose Träumer

Von weitem fällt die gewaltige Menschenmenge auf dem Jesuitenplatz auf – zählen ist genauso unmöglich wie ein Durchkommen. An der Spitze der Menschentraube ein Zirkuswagen, eingekleidet mit Wellblech. Links und rechts ein hohes Gerüst, auf dem einen ein Trapez, auf dem anderen Schlagzeug, Bass und Gitarre.

Das Ensemble stürmt den Platz. Unverständliches Geschrei, ein Geknäuel. Dann plötzliche Stille. Manchmal habe er den Wunsch, „die Ohrstöpsel ins Ohr zu stecken, den Pamir drüber zu stülpen und den Kopf tief ins Wasser zu drücken. So lange, bis alles farbig wird. Wunderschön farbig“. Er ist namenlos, wie überhaupt alle im Stück. Es geht ums Mensch-Sein, um Macht, um Spiel, um Ohnmacht, um Grenzen und das Überschreiten ebensolcher.

„Wir sind Träumer – vollgas und risikoreich!“ wird begeistert kundgetan. Und die Truppe träumt, musiziert und spielt in einer Mischung aus Bewegungstheater, Zirkus und Performance. Vertikaldiabolo und Trapez beispielsweise wird auf bestechendem Niveau gezeigt. Immer wieder blitzen in der 45minütigen Show neben dem artistischen Können gesellschaftliche Themen auf – hierbei fasziniert die gefundene Balance zwischen kryptischem Ausdruck und spitzen Monologen.

Experimentelle Gesellschaftskritik und prägende Bilder

„Am Anfang wurde das Universum erschaffen – das macht heute noch Leute hässig“; es sind pointierte Aussagen wie diese, welche dem Schemenhaften der Show eine wage Form geben und die fragende und suchende Haltung der Truppe zum Ausdruck bringen.

„Überall niemand“ unter der Regie von Damian Dlaboha unterscheidet sich stark von den bisherigen Trottvoir-Produktionen. Die Artistik beschränkt sich auf Akrobatik, Keulenjonglage, Diabolo und Trapez. Weder Kunsträder noch Zauberei, weder Hutjonglage noch Einrad sind mit auf der Tour. Keine Freude, kein Gute-Stimmung-Spektakel, keine fassbaren Personen stehen auf dem Programm. Es ist Dynamik, Politik, Kunst. Aber auch Bewegungstheater, Musik, Wagnis und Experiment. Mutig und ein starkes Stück Theaterperformance. Trotz der Schwere des Stücks gelingt es, auch die Kleinsten im Publikum zu Begeistern – starke Bilder, gelungene Publikumsinteraktionen und feiner Humor durchweben die Show.

„Überall niemand“ lädt zum Stehenbleiben und begeisterten Zuschauen ein – um dann mit Exekutions-Explosionen zum Weiterdenken und Hinterfragen anzuregen, denn „niemand trägt die Schuld – aber alle tragen mit“. Wer sich darauf einlässt, freut sich über eine Performance, die sich nicht mit Spektakel begnügt.

Die Compagnie Trottvoir – eine bunte und vertraute Truppe

2011 wurde das Ensemble der Compagnie Trottvoir von ehemaligen und bestehenden Mitgliedern des Jugendzirkus Tortellini aus Luzern gegründet. Noch heute sind 6 der 10 Trottvoirs ehemalige Tortellinis – inzwischen sind fast alle hauptberuflich in den darstellenden Künsten tätig. Als Compagnie Trottvoir sind die Artistinnen und Artisten noch bis Ende August unterwegs. Die Tournée führt quer durch die Schweiz. Nächster Halt nach Luzern ist am 02. August St. Gallen.

Eintritt frei – Kollekte

Der Eintritt ist frei. Die Compagnie lebt aber hauptsächlich von den Einnahmen aus der Hutkollekte. Nur bei starkem Regen wird die Show nicht durchgeführt. Über Spiel oder Absage wird auf der Homepage informiert. Zum Schluss ein Tipp: Wer auf einem der Holzbänke vor der Bühne Platz finden möchte, muss rechtzeitig vor Ort sein. Die Luzerner Première war ein riesiger Publikumserfolg.

Eine 1. Klass-Weltreise mitten in die Katastrophe

Im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums des Schweizerischen Roten Kreuzes ist im Verkehrshaus Luzern noch bis zum 17. Januar 2017 die sehenswerte Sonderausstellung „Weltreise Rotes Kreuz“ zu sehen. Auf einer interaktiven Reise erfährt man, wie das SRK Menschen in den ärmsten Regionen weltweit vor Katastrophen schützt und wie diese Arbeit künftig aussehen könnte.

Raus aus der Komfortzone

Ein Sofa, der Fernseher davor. Die Ausstellung beginnt im Wohnzimmer. Da, wo es behaglich ist. Was auf dem Bildschirm erscheint, lässt die Katastrophen erahnen, bei welchen das Rote Kreuz täglich Nothilfe und Präventionsarbeit leistet: „Das Luzerner Seebecken wird evakuiert – 30x im Jahr“, „Im Seeland regnet es zwei Jahre nicht“, „An der Basler Fasnacht bebt die Stadt - Münsterund Roche-Turm sehen jetzt ähnlich aus“. Als Besucher wird man sprichwörtlich aus seiner Komfortzone gerissen. Ein Ticket holt einem weg vom Sofa. Es geht auf Weltreise: Äthiopien, Ghana, Haiti, Honduras, Nepal und Philippinen. Knappe Ressourcen, Epidemien und Armutsblindheit, Hurrikane und Erdbeben, Erdrutsche und Strassengangs, Monsun und Müll, Taifune und Hochwasser.

 Sorgfältige Inszenierung und eindrückliche Medien

Die Reisedestinationen bestehen aus einem Strichcodelesegerät und einem Bildschirm. Nach dem Einlesen des Tickets schlüpfen die Besucherinnen und Besucher in die Rolle der Reisenden. Über grosse Buttons werden diverse Reise-Entscheidungen getroffen. Gehe ich mit ins Dorf? Nehme ich Flugzeug oder Bus? Helfe ich der Schwangeren beim Ausstieg aus dem Boot?

Grossformatige Bild- und Textkompositionen informieren über zentrale Herausforderungen des bereisten Landes. Per Knopfdruck lernt man auf einem weiteren Bildschirm Projekte des Roten Kreuzes und betroffene Menschen kennen.

Gekonnt ist auch die Verknüpfung mit der Lokalität der Ausstellung: Nachbauten typischer Verkehrsmittel aus den bereisten Ländern lassen aus dem Fenster blicken und die Landschaften ihre eigenen Geschichten erzählen.

 Das SRK künftig gegen Biorobotic und zwischen Ressourcenkriegen?

Am Ende der Weltreise nimmt der fiktive Henri Dunant die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Zeitreise mit entscheidenden Stationen des Roten Kreuzes. Wohin es geht auf dem Zeitstrahl, das entscheidet das Publikum selber. Zurück ins Jahr 1859 zur Schlacht in Solferino? Oder zum Erdbeben in Messina 1908?

Oder gar in die Zukunft? Dunant prophezeit 2055 gefährliche Medizinchips, die an mobilen Stationen weltweit rausopperiert werden müssen. Und 2066 wird das Rote Kreuz helfen müssen, wenn der grosse Krieg um die Ressourcen ausbricht.

Interaktives und persönliches Erleben

Die vielfältige Ausstellung will nicht nur die Katastrophen und das Engagement in der Nothilfe zeigen. Es sind Präventionsprojekte, die genauso im Fokus stehen.  Risikoanalysen, Bildungsmöglichkeiten und Aufforstungsprogramme gehören unter anderem dazu.

Das Entscheiden-Müssen, das Mitreisen in länderspezifischen Verkehrsmitteln und die persönlichen Geschichten von Betroffenen sowie der Einblick in aktuelle Projekte lassen Besucherinnen und Besucher die Länder, deren Bewohnerinnen und Bewohner sowie Herausforderungen erleben. Der Ausstellung gelingt die Balance zwischen Unterhaltung, Information und nie aufdringlicher Werbung für die Organisation an sich ausgezeichnet. Etwas seltsam mutet einzig an, dass die Reise in die Katastrophengebiete quasi in der ersten Klasse angetreten wird: Die Ausstellung ist piekfein, perfekt orchestriert und hochwertig ausgestattet. Der krasse Gegensatz zwischen dem Gezeigten und dessen Darstellung irritiert, was aber passend ist in unserer Welt voller Ungleichheiten.

 Unterlagen für Schulen und Lehrpersonen

Die Ausstellung liefert neben vertiefenden Informationen auf der Webseite weltreiseroteskreuz.ch auch Arbeitsblätter und Vorbereitungsmaterial für den Besuch.

 

Das Reh – Hagens Körperwelten am Wildtier

Noch bis zum  30. Oktober 2016 zeigt das Naturmuseum Luzern die Wanderausstellung „Das Reh – Durch Anpassung zum Erfolg“. Die kleine Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion der Naturmuseen Olten und Thurgau.

Die lebensechten Präparate sowie die eindrücklichen Fotografien sind das Highlight der Sonderausstellung. Zudem ermöglichen unter anderem das Plastinat eines Rehmagens oder auch die sichtbar gemachten Blutgefässe am Rehkopf einen ungewöhnlichen Blick auf das bekannte Wildtier. Die durchaus informativen Texte und digitalen Medien hingegen wirken leider etwas altbacken.

Spannende Informationen

Wie läuft eine Rehgeburt ab und wie schaut diese aus? Wie klingt das Fiepen einer Rehgeiss oder der Kontaktlaut des Kitzes? Wie erkennt man eine Rehspur? Was frisst ein Reh und wie schaut Rehkot aus? Warum wird das Reh vom Menschen gejagt und weshalb ist der Luchs mitverantwortlich für die Rehpopulation?

Das Reh, die häufigste wildlebende Huftierart der Schweiz, ist bekannt und weit verbreitet. Dennoch gibt es viel Neues zu entdecken in der Ausstellung des Naturmuseums. Im Raum für Sonderausstellungen im Parterre finden sich grossflächige Bilder, Holzkästen mit Infotexten, Videos und Gegenstände rund ums Reh sowie Präparate, die die Verhaltensweise des Rehs lebensecht darstellen.  

Neue Blickwinkel

Sehr anschaulich zeigt die Ausstellung dank Tierpräparaten dieBesonderheiten des Rehs. So ermöglichen beispielsweise die beiden Präparatorien des Anatomen Gunther von Hagens (bekannt durch die Ausstellung „Körperwelten“) zum einen den Blick in die Magenkammern des Rehs und zum anderen wurden in einem speziellen Verfahren die Blutgefässe des Rehkopfs- und Geweihs sichtbar gemacht.

Ein Puzzle animiert die Besucherinnen und Besucher zudem herauszufinden, was das Reh frisst und was es verschmäht. Ein Geweih liegt bereit zum Ertasten und Hörbeispiele wie Filmaufnahmen lassen tiefer in die Welt des Rehs hören und blicken.

Für Kinder zu komplexe Texte und unglücklich präsentierte Videos

Obwohl die Ausstellung inhaltlich spannend und ästhetisch gelungen ist, bleiben Makel. Die gezeigten Videos sind äusserst kleinformatig und teilweise tonlos. Zudem sind sie nur im Stehen und aus Erwachsenen-Perspektive gut zu sehen, aus der Sitzposition oder Kinderhöhe stimmt der Winkel nicht mehr und das Gezeigte ist kaum erkennbar. Auch die Infotexte sind etwas gar trocken in Fachsprache gehalten und beim Video mit dem eigentlich spannenden aber äusserst monotonen Interview eines Forstwarts bleiben auch beim erwachsenen Laien einige Fragezeichen. Der Spagat über das breite Zielpublikum vom Erwachsenen bis zum Kind gelingt nicht ganz. 

Einen Besuch wert

Dennoch lohn sich ein Besuch. Die hohe Qualität der Präparate ist äusserst beeindruckend, die säugenden Kitze beispielsweise sind allerliebst und der Luchs am Rehriss imposant.

Für Kinder jedoch steht weniger das Selber-Entdecken im Vordergrund, denn der grosse Teil des Ausgestellten darf nicht angefasst werden, die Videos sind klein und die Texte wie auch die gezeigten Interviews für Schüler kaum verständlich. So bleibt den jüngeren Besuchern das Bestaunen der beeindruckenden Präparate und das Zuhören, wenn die Begleitung das Gesehene erklärt. Für Schulklassen dürfte ein Besuch entsprechend nur mit einer Führung zum Erfolg werden. Dann aber erscheint das vertraute Wildtier in neuem Licht – spannend und lehrreich.

Ptydepe – Eine Kunstsprache versenkt die Menschlichkeit im Neubad

Damiàn Dlaboha (Regie), Béla Rothenbühler (Dramaturgie) und Livio Beyeler (Produktion) zeigen mit einem elfköpfigen Ensemble im Neubad in Luzern Václav Havels Tragikomödie „Die Benachrichtigung“ (uraufgeführt 1965). In seiner gut zweistündigen Abschlussinszenierung (Studium Regie an der ZHdK) gelingt Dlaboha eine überzeugende und sehenswerte Interpretation. Das junge Ensemble liefert ein kraftvolles Stück rund um Sprache und deren Missbrauch, Macht, Intrige, Sex und Bürokratie. Ein Ereignis ist auch die wirkungsvolle und perfekt ins Neubad eingepasste Bühne (Savino Caruso), die aber leider ihr Potential aufgrund des mageren Lichtkonzepts nicht ganz ausschöpfen kann. Dlaboha ist es gelungen, das Stück zeitgenössisch zu adaptieren, jedoch wirken die Geschlechter-Rollen antiquiert. Die Frauen sind Dummchen und die Männer machtgeil oder karrierefixiert. Versöhnlich: Beide Geschlechter verlieren sich gleichermassen in der Absurdität von Bürokratie und Entindividualisierung.

Ptydepe – eine Kunstsprache soll die Kommunikation vereinfachen
Emsig marschieren die Beamten auf ihren Turnschuhen, rhythmisch wird rasiert, Zähne geputzt, fliegen Dossiers um den Schreibtisch und rollen die Bürostühle auf den Kacheln der Neubad-Bühne. „Guten Morgen!“ wünscht man sich automatisiert. Das Publikum blickt auf einen ausladenden Bürotisch vor einer hohen, weissen Wand mit fünf Türen und einem Fenster, in welchem sich ein kleines, atelierhaftes Klanglabor befindet.

Gross (Jonas Götzinger), der Direktor des Amtes, sitzt mitten auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum. Eine Benachrichtigung in einer unverständlichen Sprache irritiert ihn. Die Assistentin meint gleichgültig, es sei wohl vergessen gegangen, den Direktor zu informieren. Hierauf verschwindet sie auf ihrem Bürostuhl rückwärts rasend von der Bühne, um kurz darauf Milch trinkend wieder hinein zu gleiten – so ist bereits zu Beginn klar: Das Erzählte ist grotesk und die Erzählweise absurd. Brillant die Idee, das ganze Geschehen in einen einzigen Raum zu packen und dem Publikum die Perspektive von Gross zu verpassen – sodass es ihm schon bald mit seinem Lachen gehörig in den Rücken fallen kann.

Im Amt wird die Kunstsprache „Ptydepe“ eingeführt. Dadurch soll die Kommunikation präzisiert und von den natürlichen Emotionen befreit werden. Denn „die natürlichen Sprachen sind ohne jede Kontrolle, mit anderen Worten: Unwissenschaftlich entstanden und damit in gewissem Sinn das Werk von Laien“.

Das Sprachexperiment wird zum Mittel für die Intrige von Gross’ Stellvertreter Balas und seinem Partner Kubsch. Direktor Gross ist der neuen Sprache nicht mächtig und so dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Die Anordnungen eines diffusen und gleichzeitig omnipräsenten „Oben“ nehmen ihren Lauf.

Der Mensch als Niemand in den Mühlen der Bürokratie
Die Kommunikation und die Sprache sollen professionalisiert und auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden –  das Vorhaben erweist sich als abstruser Spiegel einer „verwalteten Welt“.

Dlabohas Inszenierung verliert nach der Pause etwas an Schwung. Der inzwischen zum Direktor gewordene Balas befiehlt dem degradierten Gross „setz dich!“ und tatsächlich: Das Sitzen nimmt überhand auf der Bühne. Wenn Direktor Gross hier zu Balas sagt „mich irritiert ihre Ruhe!“ – so spricht er in diesem Moment die Gefühlslage des Publikums aus. Havels Mittel, den zweiten Teil parallel entlang dem ersten verlaufen zu lassen, scheint etwas hastig umgesetzt. Der abrupte Abgang und die Wandlung von Kubsch macht das Publikum vollends ratlos, zeigt aber gleichzeitig: Dieses Chaos ist gewollt. „Es scheint, die Dinge nehmen einen schnellen Verlauf“ kommentiert der neue Direktor treffend. Am Ende ist wieder alles wie zuvor. Auf diese Weise gelingt es trotz kurzem Hänger, die Apparatur zu demaskieren: Der Mensch als hilfloses Nichts seines selbst geschaffenen Bürokratie-Ungeheuers für sein Streben nach Perfektion, Macht und Kontrolle.

Sexsymbolik, House of Cards, lokaler Wahlkampf und ein Schuss Mani Matter
Als die Intrige zu Beginn des Abends ihren Lauf nimmt, beisst Kubsch unschuldig in den roten Apfel und beim Sturz des Direktors kürzt er kauend eine phallische Rübe. Das Interesse der Assistentin gilt neben der Milch den Weggli und Nüssen. Der jeweilige Direktor besitzt den Grösseren (Feuerlöscher) als sein Stellvertreter und die Milchflasche verkörpert Gross’ errigiertes Glied. Ein anderes Mal wird der Direktor von Kubsch dazu gezwungen, die Milch zu schlucken. Dabei erinnert er an die Stopfgans, welche im Amt auf dem Speiseplan steht. Weiter versetzt Dlabhoa seiner Figur Balas Attributte von Underwood aus der Netflix-Serie „House of Cards“ – ein topaktuelles Spiel von Macht und Intrige. Sogar der lokale Wahlkampf findet Eingang in die Inszenierung: Unter den Benachrichtigungen werden Wahlflyer über den Bürotisch gewirbelt.

Die Musik begleitet das Stück formidabel und trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, moderne Elemente in das 50jährige Stück einzubauen. In ihrem einem Morsebüro nachempfundenen Musiklabor fungieren Timo Keller und Mario Hänni als Beobachter und strebsame Ptydepe-Schüler. Ob ein Rhythmus mit Bleistiften, singende Saitenklänge, oder verzerrte live-Töne – die Musik überzeugt und schafft in Anlehnung an Morsezeichen und Matters Ballade „vo däm, wo vom Amt isch ufbote gsi“ einerseits ein passend psychedelisches Ambiente und schlägt anderseits den Bogen von damals zu heute.

Die zeitgenössischen Elemente illustrieren: „Die Benachrichtigung“ ist heute genauso aktuell wie damals in der Tschechoslowakei – Dlaboha und sein Ensemble beweisen dies mit ihrer Interpretation eindrucksvoll.

Ein gelungener Mix von Laien und Profis
Jonas Götzinger ist der einzige Profischauspieler im Ensemble der „Benachrichtigung“. Sein grossartiges und facettenreiches Spiel zieht die erfahrenen Laien mit, ohne deren Esprit und die Spielfreude zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die Truppe spielt erfrischend, das Zusammenspiel funktioniert.

«Die Benachrichtigung» ist das erste Projekt der Neubad-eigenen Förderplattform «Frische Kunst und Kultur im Neubad-Pool». Das war ein Start nach Mass und macht definitiv Lust auf mehr.

 

Die weiteren Vorstellungen von „Die Benachrichtigung“
im Neubad Luzern: 13.5. / 14.5.16 / auf der Bühne B in Zürich: 21.05.16
Reservationen: http://www.backstage-theater.ch/reservierung

Roboter entern unsere Geschichte

Das Fumetto – Internationales Comix-Festival in Luzern feiert dieses Jahr sein 25jähriges Jubiläum und umfasst 11 Hauptausstellungen sowie 55 Satelliten. Zum internationalen Staraufgebot der Künstler gehört auch der Schotte Tom Gauld. Mit der Ausstellung im Historischen Museum zeigt Gauld erstmals die fiktive und vermenschlichte Entwicklungsgeschichte der Roboter: Minimale Striche, britischer Humor und ein treffendes Arrangement vor teilweise jahrhundertealten Objekten lassen eine vielschichtige Ausstellung entstehen. Tom Gauld lässt sich, wenn auch etwas verhalten, erfolgreich auf eine neue Art des Erzählens ein.

Der studierte Illustrator schafft kleine Menschen, Roboter, Monster und Astronauten. Gezeichnet mit Tusche auf Karton oder Papier, gefaltet oder geschnitten. Vereinfachte Formen, reduziert koloriert, knappe Dialoge. Der Humor liebevoll und absurd. Unter anderem zeichnet Tom Gauld für das New Scientist magazine, The New York Times und The Guardian. Und jetzt lässt er seine Figuren im Historischen Museum erzählen.

Hier gilt es diese Figuren erst einmal zu entdecken. Der Ausstellungsbesuch ähnelt einer Schnitzeljagd, kleine Schilder weisen den Weg. Tom Gauld hat seine kleinen Beiträge in die Dauerausstellung des Museums eingebettet und hier inmitten von tausenden historischen Objekten platziert.

Als erstes begrüsst der göttliche Roboter in einer Reihe von Kruzifixen, der Symbolik für Opfertod und der Verbindung von Menschen und Erde, Gott und den Mitmenschen. Auch mitten in den Andachtsbildern finden sich Erklärungen zur fiktiven Evolution der Roboter – wobei hier die Maschinen realer erscheinen als die historischen Abbilder der Heiligen.

Weiter musste im Depot des historischen Museums der Zunftvater Fritschi mitsamt Maskerade aus seiner Schublade weichen, an seiner Stelle wird nun die fiktive Geschichte der Roboter vermittelt. Und während ein Nanoboter über die Unmittelbarkeit seines Endes aufgrund eines einfachen Niesens sinniert, stellt ein anderer direkt unter dem Buchdrucker-Ehepaar Räber-Leu fest, dass früher alles einfacher war „Back in the days when robots just did as they were told“.

Durch den ungewohnten Kontext gelingt es Gauld auf subtile Weise nicht nur grosse Fragen der Gegenwart zu touchieren, sondern das Erzählen von Geschichte und Geschichten an sich zu thematisieren. An was glauben wir? Was ist unsere Geschichte und wer erzählt sie? Wohin führt uns die technologische Entwicklung?

Die Art und Weise des Erzählens bricht mit der klassischen Comixform, Gauld nutzt den Raum für seine Comix-Installation gekonnt, jedoch hält der Betrachter mit dem am Eingang abgegebenen Scanner selber einen Roboter in der Hand, dessen Potential Gauld unbeachtet lässt. So übt der Scanner ausschliesslich seinen ursprünglichen Job aus und zeigt dem Besucher der Dauerausstellung fleissig Informationen zu den historischen Objekten an. Was aber wiederum seinen Reiz hat – der Besucher erinnert sich unweigerlich an den Roboter der Zukunft und dessen Gedanken an seine Vorfahren „when robots just did as they were told“.

Neben den gelungenen Platzierungen und den pointierten Comix tragen interaktive Elemente zur Vielschichtigkeit dieser Ausstellung bei: Eine Roboterzeichnung muss erst wie ein Buch geöffnet werden bevor sie ihr Innenleben preisgibt, Schubladen müssen hervorgezogen und ein Roboter kann gar selber umgebaut werden. Tom Gauld fordert die Betrachter zur Interaktion, die Besucher sind angehalten zu suchen, zu handeln und zu denken. Gaulds Beiträge bleiben dabei jedoch einfach und halten sich stets im Hintergrund.

Einerseits hat das Subtile in Gaulds Installation unbestritten seine Qualität und der Charakter der Schnitzeljagd mag Programm sein – die Umschreibung der Geschichte durch die Roboter erscheint so als ein schleichender, kaum wahrnehmbarer Prozess. Anderseits hätte der Bezug zur Geschichtsschreibung oder der gegenwärtigen Digitalisierung expliziter sein dürfen, die Gegenüberstellungen provokativer. Die Installationen und eingeschobenen Zeichnungen wirken teilweise sehr zaghaft.

Dennoch blitzen durch Gaulds Zeichnungen und Installationen unter den säuberlich angeordneten Reliquien des historischen Museums Themen und Fragestellungen der Gegenwart hervor. Die Ausstellung lohnt sich – einmal mehr hat das Fumetto mit Künstler und spezieller Location einen Volltreffer gelandet.

Gauld twittert, dass er am 23. und 24. April persönlich am Fumetto sein wird. Die Gelegenheit, um eine persönliche Buchsignatur zu erhaschen und vielleicht die eine oder andere Frage ganz retro und analog beantwortet zu bekommen.

 

 Der 1976 in Aberdeen geborene Künstler lebt mit seiner Partnerin und seinen beiden Töchtern in London.

Die aktuellsten Cartoons von Tom Gauld sind auf seinem Blog „You’re all just jealous of my Jetpack“ öffentlich zugänglich http://myjetpack.tumblr.com

Auf tomgauld.com finden sich weitere Informationen zum Künstler und seinem Portfolio.  

Tom Gauld. The Unknown History of Robots
Kuratoren: Olivier Bron und Simon Libermann

Historisches Museum Luzern
16.04.2016 – 21.08.2016
Di-So 10-17 Uhr
An Feiertagen auch montags geöffnet
 24.04.2016 um 11 Uhr Vortrag von Tom Gauld im Maskenliebhabersaal (Süesswinkel 7) in Luzern (englisch)

Das 25. Internationale Comic-Festival Fumetto findet noch bis am Sonntag, 24. April 2016 an diversen Ausstellungsorten in Luzern statt www.fumetto.ch.