Plötzlich ist da ein „Ich“

In den letzten Tagen erhielt für mich die Vaterschaft eine neue Dimension – das zweijährige Kind entwickelte scheinbar vom einen auf den anderen Tag ein Ich-Bewusstsein. Ein knapper Bericht von Komplimenten zur Kleidung bis hin zu berührenden Selbstreflexionen und dem Wunsch, wieder „klein“ zu werden.

Die letzten Monate amüsierten wir uns Zuhause über die Personalpronomen von unserem Heranwachsenden. „Du“ hiess „ich“. Ist ja klar, wenn wir sagen „möchtest du was trinken“, dann lautete die logische Antwort: „Du trinke“. „Du mache“ meinte er, wenn er alleine etwas anpacken wollte und „Ping-Pong spielen du“ hiess, er wollte spielen. Nun heisst es vom einen Tag auf den anderen „Ich Ping-Pong spiele“. Plötzlich ist da ein „Ich“. Und nicht nur das Pronomen wechselte, sondern der ganze Auftritt.

Spürbar erkennt und reflektiert er auf einmal seine Emotionen und lässt uns daran teilhaben. Bisher unbekannte Ängste kommentiert er abends, wenn wir den Tag Revue passieren lassen, mit „Papa ganget, ich truurig“. Gestern brachte ich ihn ins Bett, er stellte fest: „Mama vell schaffe“ und einen Augenblick später meinte er „Ich gärn Mama“ – was für ein Moment! Heute nach dem Znacht dann, bekundete dieses neue Ich, dass es nochmals nach draussen wolle, um den Hasen im Nachbarsgarten eine gute Nacht zu wünschen. Taktisch geschickt, denn was ist gegen ein kurzes Gute-Nacht-Wünschen einzuwenden – wir machten uns bereit und nahmen die Jacken vom Haken. Der Zweijährige schaute mich an, strich über meine Jacke und meinte anerkennend „Schöni Jagge“. Das erste Kompliment von meinem Sohn! Das neue Ich wirkt auf seine Welt in einer Manier, dass ich kaum glaube, wie schnell ein solcher Entwicklungsschub vonstatten gehen kann.

Uns als Eltern irritierte jedoch diese schlagartige Veränderung ziemlich. Nach etwas googeln merkten wir aber: Der Kleine arbeitet klischeehaft alle Punkte ab, die man im dritten Lebensjahr halt eben so durchmacht. Total normal.

Gemäss Fachliteratur können die nächsten grossen Blöcke die Warum-Fragen sein, gefolgt vom fiktiven Freund respektive der fiktiven Freundin, danach entwickelt sich die Empathie und später kommen die Lügengeschichten, bevor sich dann die Pubertät ankündet. Aktuell muss der Kleine nun plötzlich mit Freude, kindlicher Lust, unbändigem Spieltrieb, einem riesigen Entdeckungsdrang, aber auch mit Schadenfreude, Neid, Eifersucht und Schuldbewusstsein zurechtkommen. Bäm, jäh ist der Damm der Emotionen gebrochen. 

Wenn das tatsächlich alles so urplötzlich und heftig zu Tage tritt, freue ich mich auf in unglaublicher Art und Weise immer intensiver werdende Vater- und Elternzeiten.

Einschlafen will er jetzt übrigens vermehrt alleine (danach ruft er einen zwar oft wieder zu sich und meint „ned ganget“, womit er bekundet, es habe alleine nicht geklappt, man solle nochmals kurz vorbei schauen), diesem Bedürfnis nach Selbständigkeit wird neustens auch mit der Versuchung, wieder „klein“ zu sein  begegnet. Er krabbelt auf allen Vieren und will den Schoppen trinken wie ein Säugling: „Ich Baby“. Verständlich, will er zwischendurch zurück: Ich stelle mir das unglaublich streng vor, wenn man sich auf einen Schlag als Person wahrnimmt, irgendwie steckt mir ja diese eigene Erfahrung immer noch in den Knochen, so glaube ich wenigstens zu spüren, wenn ich meinen Sohn so erlebe.