Wir grenzen unseren Zweijährigen aus und verletzen ihn nachhaltig - seit 2 Jahren

Ich war am Vortrag von André Stern. Als Lehrer war ich darauf vorbereitet, dass die Ideale des Mannes, der nie zur Schule ging, zwar einleuchtend und erstrebenswert sind, es jedoch eine grosse Herausforderung oder gar Unmöglichkeit ist, diese in den Alltag der Volksschule zu integrieren. Dass ich aber als Vater ertappt und erschüttert wurde, das traf mich. Die Haltung gegenüber unserem Sohn wollen meine Frau und ich nun ändern. Hier mein Bericht.

Aus einem sicheren Hafen steht einem die Welt offen

Letzten Donnerstag, 22.02.18, hielt André Stern einen Vortrag im MaiHof. Der Saal war ausverkauft, gut 400 Leute waren anwesend. André Stern lebt mit seiner Familie in Paris, er ist Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist, Autor, spricht fünf Sprachen fliessend und war nie in der Schule. Seine Erfahrung steht quer in der Landschaft und ist in der Schweiz illegal. Sein Blick auf Erziehung und Schule ist erhellend und regt zum Nachdenken an. Die Botschaft zum Lernen und zum Umgang mit Kindern leuchtet ein: Den Kindern sei auf Augenhöhe zu begegnen (Jesper Juul würde selbiges als Gleichwürdigkeit im Umgang mit Kindern bezeichnen), die Kinder trügen die Potentiale zu dem, was sie werden können, in sich. Dazu brächten die Kinder alle Anlagen mit: Offenheit, Entdeckungsdrang, Spielfreude und Begeisterung. Da das kindliche Spiel Voraussetzung fürs Lernen sei, sei es absurd, die Kinder im Spiel zu unterbrechen und zum Lernen aufzufordern. Genauso surreal empfindet er Jahrgangsklassen und die Wissensvermittlung in gleichförmigen Häppchen. Plakativ formuliert sei es für uns alle fatal, dass wir ständig im “Werden” seien und kaum mehr “sind” - unsere Potentiale würden verkümmern und unser Selbstvertrauen sei gestört. Oft zitiert er den Neurobiologen Gerald Hüther, flechtet zur Anschauung Erlebnisse von sich oder seinen Kindern ein. Für ihn selber ist Lernen in Freiheit noch heute ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Einzige Bedingung für diese Erfolgsgeschichte: Ein “sicherer Hafen”, genährt durch Vertrauen und ein grosses Engagement der Eltern. Was für Kinder gelte, welche diese Voraussetzungen und dieses Umfeld nicht hätten, darauf hat André Stern keine Antwort. Überhaupt distanziert er sich an dem Abend sowohl von allem Normativen (er sei nicht allwissend, sondern schildere lediglich seine Erfahrung einer glücklichen Kindheit) als auch vom Laissez-faire und Anti-Autoritären (das Machtverhältnis wird in seinem Verständnis nicht umgekehrt, sondern den Kindern und Alten wird auf Augenhöhe begegnet - das bedeute, dass auch Rituale und Bedürfnisse der Mitmenschen, also auch der Erwachsenen, respektiert würden).

Kinder als zu vervollständigende, noch unkomplette Erwachsene

Ganz natürlich will ein Kind zur Gemeinschaft dazugehören. Als erstes zur Gemeinschaft der Familie. Gemäss André Stern geben wir unserem Sohn jedoch täglich zu verstehen, dass er dafür (noch) nicht gut genug ist. Wir grenzen ihn aus, indem wir einerseits aus einer Haltung der Überlegenheit kommunizieren. “Ja sag, was hast du heute denn mit Mama gemacht?” (Mama hatte es doch soeben selbst erzählt?) “gggeeeespielt?! Wie schön, und wie gut du das sagst!” “Ja, und sag, waaas haabt ihr denn gespielt? -- Duplo, toll, toll, so toll” - wir nehmen das Kind nicht ernst, unsere Kommunikation trieft vor sarkastischer Ironie. Wir irritieren das Kind, weil, warum sollte es etwas erzählen, das soeben erzählt wurde und warum fragen wir und stellen uns dumm, statt dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen? Wenn es will, erzählt es von sich aus voller Stolz und Begeisterung, was es erlebt hat oder viel mehr noch: Was es momentan gerade beschäftigt. Ständig geben wir ihm aber zu verstehen, dass es noch nicht zum Kreis der Normal-Sprechenden gehört. Es muss sich noch ändern, wir müssen es gross- und erziehen, bis es so ist wie wir - noch genügt es unseren Ansprüchen nicht.

Anderseits geben wir unserem Sohn auch anderweitig ständig zu verstehen, dass er so, wie er ist, noch nicht komplett ist. Denn wir sagen ihm zwar: “Ich liebe dich”. Wir sagen aber nicht: “Ich liebe dich, weil du so bist, wie du bist”. Es ist eher ein: “Ich liebe dich, aber würdest du Durchschlafen, besser sprechen, anständiger essen, weniger streiten, selbständig aufs Häfi gehen, dann, ja dann würden wir dich noch mehr lieben”.

Höher, weiter, schneller, besser als das andere Kind

Als wäre das nicht Verletzung genug (gemäss André Stern steckt in so manchem Erwachsenen ein verletztes Kind, das hinter seinem zukünftigen Ich her eilt, seinem Ich, das endlich komplett sein sollte), kommt der Wahn des Vergleichens und Messens, den die Erwachsenen auf das Kind übertragen. Deiner läuft schon? Meiner kann schon den Buchstaben B schreiben. Und die Kleine rutscht bereits auf der Rutschbahn - ganz alleine, wie eine Grosse. Auch die Frage, ob der Kleine denn schon durchschlafe impliziert, dass, wenn nicht, er eben den Ansprüchen noch nicht genügt. Und das bereits wenige Tage nach der Geburt (André Stern stellte die Frage an die Anwesenden: Wer von euch hat heute Nacht denn durchgeschlafen? Ein grosser Teil genügte den Ansprüchen an den Säugling nicht). Der Konkurrenzkampf verdrängt das Spielerische, die Begeisterung, das Vertrauen in sich selbst. Statt die Kinder in eine Richtung zu drängen und immer besser und besser machen zu wollen, wäre es gemäss André Stern wirkungsvoller und wichtiger, den Kindern eine Orientierung zu sein, sie zu beobachten und ihnen durch Vertrauen und Rituale einen sicheren Rückhalt zu geben. Sie in ihren Interessen zu stärken und ihrer Begeisterung, ihrem Lern-, Spiel- und Entdeckungsdrang Lauf zu lassen. Sie ihre Potentiale entfalten lassen.

Beobachten, beobachten, beobachten und Rituale, Rituale, Rituale

Da wollen wir also was ändern Zuhause. Ab sofort versuchen wir die dummen Fragen und die Baby-Sprache zu eliminieren. Weg mit der Haltung der Überlegenheit (die werden wir aber wohl nie gänzlich ablegen können, so tief ist die drin). Und wir wollen bewusster durch Beobachten präventiv agieren. Und ihn spielen lassen, die Unterbrüche minimieren. Herrgott, Erziehung oder sternsche Nicht-Erziehung, anstrengend ist beides. Das eine aber möglicherweise erfüllender.

Dazu drei Problem-Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit:

Problem 1 - Besteck rumwerfen: Unser Kind wirft am Essenstisch mit Dingen um sich. Reaktion bisher: Nach einer Verwarnung aus dem Raum in sein Zimmer beordern - wer nicht pariert, geht raus. Reaktion neu: Vor dem Wurf fragen, ob er fertig sei und runter wolle. Er bejaht und schaut in Frieden und seinen Stuhl verrichtend ein Büchlein neben dem Küchentisch an. Wir essen mit gutem Gewissen zu Ende. Waches Beobachten und Bedürfnisse wahrnehmen: Check! (aber gelingt leider nicht immer).

Problem 2 - Spielen statt Bett: Unser Kind will nicht ins Bett. Ich jedoch will ihn im Bett haben und noch was erledigen. Meine Reaktion bisher: Doch, es ist jetzt schon spät und du gehst ins Bett. Kurzes Sträuben und Weinen seinerseits, dann schläft er. Reaktion neu: Sagen, dass ich noch was im Büro erledigen will und fragen, ob er noch kurz alleine spielen möchte, er könne mir nachher rufen; oder ob ich ihn jetzt ins Bett bringen soll. Er überlegt kurz, holt seinen Nuggi und geht ins Bett. Ich bin baff. Mal schauen, ob das immer so geht. Auf Augenhöhe begegnen und gegenseitige Bedürfnisse respektieren: Check! (ich bin gespannt auf weitere Situationen).

Problem 3 - Schlechtes Gewissen nach dem Zurechtweisen: Wieder das Herumwerfen (irgend ein Grund wird es wohl haben, es passiert nichts grundlos, blabla - es nervt). Diesmal Spielzeug. Ich reagiere heftig, weil es mich ärgert. Er hat heute sowieso einen schlechten Tag und überhaupt, ich bin müde. Er erschrickt ab meiner Reaktion und verkriecht sich auf seinem Bett. Reaktion bisher: Ich sage ihm, dass ich das nicht möchte und versuche ihn nach einer Weile mit irgendwas abzulenken um die Stimmung zu bessern. Büechli anschauen oder sonstwas. Reaktion neu: Ich sage ihm, dass ich nicht will, dass er Dinge rumwirft. Und ich schiebe hintennach, dass ich ihn trotzdem liebe, weil er sei, wie er sei. Seine Reaktion: Er schaut mich überrascht an und meint “üe-e ned” und dann kuschelt er sich zu mir, schaut mich an und sagt “gä-n, Papa” - Wie schön ist das denn! Und kaum vorstellbar, was ein noch nicht Zweijähriger bereits alles versteht. Und wie die kleinen Verletzungen wohl tatsächlich bereits Tag für Tag stattfinden und stattgefunden haben. Den Kleinen so lieben, wie er ist (und das auch sagen): Check! Und es gibt bestimmt noch viele und auch passendere Situationen, das zu wiederholen.

Und jetzt, in Zukunft?

Eine Nicht-Erziehung nach Stern liegt für uns nicht drin. Dieser Effort scheint schlicht nicht möglich, wenn die Eltern arbeiten müssen um Essen, Miete und Krankenkasse zu bezahlen. Was tun wir nun? Dem Kind Vertrauen, ihm nach unseren Möglichkeiten auf Augenhöhe begegnen und dennoch mit dem Strom der Volksschule mitschwimmen? Auf Ferien verzichten und es in die Grundacher-Schule nach Sarnen oder in die Steiner Schule nach Ebikon oder in die Montessori-Schule schicken und damit aus der Quartier-Clique ausschliessen und in einen elitären Kreis von Leuten geben, die sich das Schulgeld leisten können? Oder eine eigene Schule gründen? Haben Sie uns das Haus und die Finanzierung dazu, wir wären bereit.

 

Ich hasse «Papitag»

Ich nerve mich über die anerkennend gemeinte Äusserung «Oh, du hast heute Papitag, wie schön». Das Wort «Papitag» kann ich nicht mehr hören. Schliesslich hüte ich nicht den Nachbarshund, sondern bin Vater. Eine Polemik.

Ein Freund von mir meinte kürzlich «Oh, wie schön, du hast dienstags Papitag?». Ich bejahte und war gleichzeitig verblüfft. Mein Freund ist eigentlich bezüglich gesellschaftlichen Fragen äusserst sensibel. Ich erwiderte: «Sag nicht Papitag.» Er war irritiert. Bin ich tatsächlich so radikal und empfindlich? Ja.

Haben Sie eine Mutter mit ihrem Kind schon mal gefragt, ob sie heute gerade Mamitag habe? Wenn, dann vermutlich dann, als die Mutter keinen Nachwuchs bei sich hatte und im Ausgang war. Das versteht Frau nämlich kurioserweise als «Mamitag»: Die Mutter hat Zeit für sich, ausnahmsweise. Aber ich vermute, Sie haben die Frage noch nie gestellt. Haben Sie einen Kollegen, der Vater ist, schon mal gefragt, ob er heute gerade Papitag hätte? Dann, bitte, lesen Sie meine Polemik.

Lob für den, der weniger leistet

In Gesprächen mit Bekannten oder in der Familie wird implizit ständig meiner ebenfalls 80 Prozent arbeitenden Frau ein schlechtes Gewissen gemacht. Ich werde bewundert, dass ich es überhaupt hinkriege, einen Tag zu Hause zu bleiben. «Oh, du hast einen Papitag, wie schön!». Jedoch ist meine Frau werktags zwei volle Tage zu Hause und kümmert sich um Kind und Haushalt. Ich bin es nur einen Tag. Eigentlich sollte das Lob und die Kritik umgekehrt verteilt sein. Stattdessen wird mein «Papitag» gefeiert.

Nur schon das Wort «Papitag»: Es suggeriert einen Hütedienst. Der Vater schaut aus Distanz und ungelenk für ein paar Stunden zu seinem Nachwuchs. Als würde ich für ein paar Stunden die Nachbarskinder betreuen oder den Hund meines Kollegen hüten.

Habe ich ein Idealbild aus feministisch-linker Optik in meinem Kopf und kritisiere absolut nicht berechtigt den Papitag, den man doch eigentlich feiern sollte? Ist es nicht eigentlich lobenswert, wenn der Vater einen Tag pro Woche der Familie widmet? Wenn er sogar einen ganzen Tag ganz alleine mit dem Kind oder den Kindern hat? Ist es nicht, denn erstens ist ein Tag pro Woche nur ein Fünftel der Arbeitswoche und die wenigsten haben vier Partner, die assistieren. Und – vor allem geht es zweitens darum, dass Männer als Väter ernst genommen werden. Doch wenn Erziehungsaufgaben unter «Papitag» zusammengefasst werden, ist das nicht der Fall.

Elternsein ist keine aufteilbare 42-Stunden-Woche (weil 24x7=168 ≠42)

Denn das Elternsein beschränkt sich nicht auf einen Arbeitstag von achteinhalb Arbeitsstunden pro Tag. Da sind noch fünfzehneinhalb Stunden, an welchen ich auch bei einem «Nicht-Papitag» Vater bin. Bei den Tagen, an welchen der Kleine betreut ist, gibt es zudem immer noch Morgen und Abend. Da löst sich mein Vatersein nicht in Luft auf. Und Erziehungsfragen beschäftigen auch während dem Arbeiten. Dazu gibt es die Nächte, auch mal mit Geschrei und mit-Kind-im-Arm-im-Kreis-Gehen wie ein Tiger im Käfig, dazu sonor Melodien summend.

Also: Ich habe keinen Papitag. Ich bin Vater. 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Und ich liebe es. Dazu arbeite ich, ja. Aber auch währenddessen bin ich Vater. «Papitag» steht für «ein Tag Papa spielen pro Woche, Mama stellt das Essen bereit und Papa gibt den oder die Kleinen am Abend wieder ab». Nein. Sagen Sie bitte nie wieder «Papitag», es ist so etwas von entwertend und verniedlichend.

Die Situation ansprechen: Bitte, nur zu

Man mag vielleicht berechtigt einwenden, es sei doch immer noch die Ausnahme, dass Väter werktags die Elternrolle übernehmen und da solle man doch diese Besonderheit ansprechen können, sogar anerkennend benennen dürfen? Nur zu. Aber es gibt Alternativen zum «Das-sollst-du-nicht-sagen-Wort»: Fragen Sie, wenn es Sie interessiert, wie der Papi sein Vatersein und die Arbeit unter einen Hut bringe. Oder noch besser: Wie das Elternpaar sich Erziehung und Haushalt aufteile oder an welchen Fragen sie sich aufreiben.

Und fragen Sie eine Mutter nach ihren Arbeitstagen oder überhaupt ihrem Leben neben dem Muttersein. Denn die Frage, wie Eltern ihr Elternsein in ihr Leben integrieren, welche Fragen sie wie beantworten und wie sich der Alltag ändert, interessiert zugegebenermassen auch mich. Denn es ist manchmal ganz schön anstrengend. Aber zu feiern, wenn ein Vater seine Vaterschaft in sein Leben integriert, das ist doch ein ziemlich seltsames Verhalten, nicht?

So, und morgen geniesse ich unbeschwert meinen Papitag – ups. Sorry, meine ungestörte Zeit mit Sohn. Klingt jetzt aber ja irgendwie auch umständlich. Hm. Aber Sie wissen, was ich meine. Es regt mich einfach auf, dass dieses Genderzeugs immer und immer wieder benannt und diskutiert werden muss und doch kaum Änderung in Arbeitsbedingungen und Denken stattfindet.

Kleinkarierter Zuckerphobiker? Schliesslich erhält mein Kleiner auch keinen Alkohol

Da geniesst meine Kollegin ein Glace. Der Kleine auf meinem Arm strampelt dermassen, dass ich ihn erst im Nachfassen vor dem Sturz retten kann. «Da-da-da» – er will vom Glace. Unbedingt. Aber er weiss doch überhaupt noch nicht, was ein Eis ist, wie das schmeckt, wie süss das ist und überhaupt. Meinte ich. Einer der elterlichen Grundsätze schmilzt dahin, auch Schokolade kennt der Eineinhalbjährige bereits. Von den Grosseltern, den Nachbarn, dem Onkel, der Tante oder sonstwem. Jetzt habe ich den Salat (den mag er glücklicher- und seltsamerweise auch, vor allem die salzige Sauce).

Vom Glace gibt es nicht, die Ablenkung mit dem Pfirsich funktioniert, denn das Auffinden des Steins ist momentan ein Highlight, das mehrmals täglich zelebriert wird: mit Zwetschgen, Kirschen, Pflaumen, Nektarinen und Oliven. Alles, was Stein hat, ist Trumpf – «tei - tei - tei». Das Eis ist vergessen.

Als Anfänger-Papa lerne ich: Regeln und Grundsätze lassen sich aufstellen, aber ich bringe nicht alle durch. Denn dazu müsste ich erstens dem Kleinen einen Katalog der ungeschriebenen Regeln umhängen und zweitens darauf zählen, dass sein gesamtes Umfeld die Regeln gutheisst und mitmacht. Natürlich gehe ich davon aus, dass wir Regeln aufstellen, die selbstverständlich sind, die man «halt so hat» als Eltern. Keine Füsse auf den Tisch, Sitzen im Kinderwagen und kein Süssgebäck zum Beispiel. Und den Nuggi gibt's nur liegend, im Wagen oder im Veloanhänger. Aber mit dem «halt so haben» ist das so eine Sache. Da haben halt alle ein bisschen ein anderes Verständnis. Damit umzugehen fällt mir schwerer als dem Kleinen.

Der Kinderwagen als Segway

Zum Beispiel der Kinderwagen: Bei uns ist der Kleine jeweils angegurtet. Sein Grossvater fährt ihn auch mal stehend (der Kleine steht im Wagen, schaut stolz in die Ferne und wird geschoben). Als der Kleine freudig den Nachbarn über die Strasse winkt, haben uns diese erstaunt von den Fahrkünsten des Kleinen im Stile eines Segway-Touristen erzählt. Tratschtanten. Wir haben dann dem Grossvater nochmals sauber erklärt, wie die Gurtschnalle funktioniert.

Oder das Einschlafen: Wir sind glücklich darüber, dass er es jetzt alleine kann. Kaum bei den Grosseltern, wird er in den Schlaf gewiegt. Nicht, weil er es verlangt hätte, sondern, weil sie es geniessen, ihn bei sich zu haben. Obwohl wir anfangs irritiert waren – dem Kleinen haben wir nichts angemerkt. Auch beim vorangegangenen Beispiel, dem Wagen: Bei uns kein Problem mit Anschnallen. Oder das Zeichnen: Bei uns gilt das Blatt, bei den Nachbarn die Wand als Malfläche. Kein Problem, der Kleine akzeptiert und differenziert.

Da gilt dieses und dort jenes. Ist doch einfach

Das Geregle lässt sich also entspannter regeln. Unsere Regeln müssen nicht überall gelten. Gebe ich Verantwortung ab, und es ist ein Privileg, das zu können, bin es auch nicht mehr ich, der die Regeln macht. Der Kleine hat das schon längst begriffen, wir hinken da als Eltern etwas hinterher (wobei meine Frau das sehr viel schneller hinbekommen hat als ich).

Nuggi: Nein. Ja. Vielleicht. Ach, da, saug!

Aber, und ja, es gibt ein Aber: Nicht jede Regel oder jeden Grundsatz können wir einhalten. Leider wird es dann kompliziert und der Kleine ist erst konfus und nutzt es dann aus: Das mit dem Nuggi beispielsweise kriegen wir nicht hin. Nur im Liegen? Schön wär's. Es ist schlicht zu bequem und zu beruhigend, ihm den Nuggi auch mal während dem Kochen oder nach einem kleinen Sturz zu geben. Für den Kleinen ist das vermutlich ähnlich wie mit dem Zucker, da steckt nicht nur Erziehung, sondern eine Sucht dahinter. Saugen beruhigt unheimlich. 

Zucker. Bitte homöopathischer. Bitte.

Die heutigen Nuggis sind ja auch ganz okay, für das Gebiss ist das fast gar kein Problem mehr. Im Gegensatz zum Zucker, der bringt nicht nur die Stimmung durcheinander, sondern frisst sich auch in die Zähne und ruft richtiggehend Suchtsymptome hervor: Kennt der Kleine was mit Zucker, sieht er was mit Zucker, will er dieses Dings mit Zucker. Schokolade, Eis, Kuchen. Und das lässt sich auch nicht mehr abtrainieren. Und dann wird's anstrengend, ich will die Regel vorderhand nicht anpassen – das wird wohl ein langer Kampf um die Dosierung, Homöopathie wär mir hier recht. Was tun wir, wenn das Ablenken mit einer Steinfrucht nicht mehr hilft? Ich male mir schon die übelsten Ablenkmanöver aus.

Hier bräuchten wir etwas Unterstützung aus dem Umfeld, warum sind da andere nicht auch strenger? Neulich, Treffen mit Kollegen und ihren Kindern. Die gesamte Schar am Glacestand. Ein Grossteil der Kinder ist noch nicht 2 Jahre und alle schlemmen Eis. Oder letzthin in der Badi, die Kinder von Bekannten schlemmen sich durch die Gummischlangen.

Vor meinem geistigen Auge trinken sie mit 13 Jahren ein Flügel-Softgetränk zum Frühstück und knallen sich nachher ein Ritalin, damit sie im Klassenverband erträglich sind. Bin ich ein kleinkarierter Zuckerphobiker? Aber schliesslich gibt man den Kleinen auch strikt keinen Alkohol. Und dies, obwohl sie das Bierfläschchen oder das Weinglas immer superinteressant finden. Ich meine, bei allzu Süssem sollte man ähnlich strikt sein. Aber da ist eben das ältere Geschwisterchen und die eigene Lust auf das Eis. Ohlala.

Jetzt bin ich alarmiert und achte auf Minenfelder im Bekanntenkreis

Und jetzt plötzlich schwant es mir, ganz unabhängig vom Zuckerproblem: Der wohl wirklich harte Teil der Erziehung ist, die eigenen Grundsätze und Regeln durchzusetzen, auch wenn der Kleine andere Welten kennt und angenehmer findet. Ich, der Papa-Anfänger, schicke etwas Energie an mein künftiges Ich, mache mich daran, mein Regelwerk zu hinterfragen und vor allem abzuchecken: Wer ist verbündet im Bekanntenkreis – und wo gilt es, welche Minenfelder zu umschiffen? Es wird spannend. Schliesslich habe ich wohl nur eine schwache Ahnung davon, was auf mich zukommen wird, wenn der Kleine älter ist. Uiuiui.