Laura Mvula am Blue Balls: Mvula hätte mehr verdient als das elitäre Blue Balls Publikum

Laura Mvula war der letzte Act des Blue Balls im Konzertsaal des KKL. Sie war brillant, die Band grandios, das nicht sehr zahlreiche Publikum dem Ganzen jedoch nicht gewachsen. Auch eine Publikumskritik.

 

Treibende Beats, melodiöses Cello und eine Stimme, die unter die Haut geht

Das diesen Frühling erschienene und von Sony produzierte Album „The Dreaming Room“, eingespielt mit dem London Symphony Orchestra, versprach Grosses. Laura Mvula und ihre achtköpfige Band, darunter Bruder James am Cello und Schwester Dionne an der Gitarre, lösten das Versprechen ein und machten den Auftritt zum Ereignis und einem würdigen Abschluss des Festivals.

Mvulas Songs strotzen von einer authentischen Dramatik, die Beats und Melodien liefern sich ein treibendes Wettspiel um im richtigen Moment zum Boden einer Stimme zu werden, die in ihrer Ausdruckstärke Hühnerhaut bereitet. Live war einzig der Hall teilweise etwas zu viel des Guten, man hätte sich hier etwas mehr stimmliche Authentizität gewünscht. Der Konzertsaal des KKL wäre dafür prädestiniert gewesen.

Absolut fesselnd aber auch live, wie Mvula Soul, Pop, Funk und jazzige Elemente des Gospels kombiniert und elektronisch anreichert. Subtil und tief dringend dann der Groove und die Verletzlichkeit von sanfteren Songs wie „Father, Father“ aus dem Debütalbum oder vor allem auch „People“, welche am Blue Balls die stillen Höhepunkte des Abends markierten.

Appell an die Menschlichkeit, die Freude und die Hoffnung

Ihr Auftritt war sympathisch und authentisch. Auch wenn es ihr das Publikum mit seiner Distanziertheit und falschen Skepsis nicht einfach machte. Mvula stellt ihre Musik ins Zentrum und macht kein grosses Tamtam drumrum.

Dennoch war es ihr ein Anliegen, angesichts des Weltgeschehens an die Menschlichkeit zu appellieren, diese gelte es zu feiern. Sie hoffe, dass die eine oder der andere aus diesem Konzert etwas Freude und Hoffnung mitnähmen. Sie lese zur Zeit viel von James Baldwin, einem afroamerikanischen Schriftsteller der 50er Jahre. Es sei erschreckend, wie relevant seine Texte und wie aktuell seine Erfahrungen noch heute seien.  Mvulas Statements zu Rassismus und Sexismus bringen die Ernsthaftigkeit und die Authentizität auf den Punkt, die auch ihre Songs so lebensecht, anziehend und wirkungsvoll machen.

Ein Hauch von Niles Rodgers und Prince

Mvula ist zweifelsohne eine Ausnahmeerscheinung. Sie hat Komposition studiert, einen Gospelchor unterrichtet und ist ausgebildete Pianistin und Violonistin. Musikalisch wird Mvulas Musik oft mit Nina Simone oder Billie Holiday verglichen. Dass sie aber unter anderem Rodgers und Prince zu ihren Fans zählen darf respektive durfte, deutet ihre Eigenständigkeit an. Rodgers wirkte denn auch am Song „Overcome“ mit und eine Version mit Prince liege in ihrem Email-Fach verriet Mvula – irgendwann werde sie den mit uns teilen, versprach sie.

Zurückhaltendes, angegrautes, elitäres Publikum

Nachdem Mvula 2013 als Newcomerin das Aushängeschild des Blue Balls war und danach im Luzerner Saal enttäuschte, lieferte sie heuer einen imponierenden und hoch professionellen Auftritt. Dennoch war es der falsche Ort und das falsche Publikum.

Dieses war elitär, zahlungskräftig und grau; wenn nicht erstarrt, dann stumm nickend und den Takt auf die Armlehne klopfend. Es war definitiv ein Arbeitsauftritt für Mvula und ihre achtköpfige Band. Immer wieder fragte sie beim Publikum nach, ob es noch wach sei. Sie möge ihre Live-Auftritte sehr und freue sich immer darauf, aber nun sei sie sich nicht sicher, ob man sich hier auch freue, es sei so gespenstisch ruhig – stilles verlegenes Kichern im Publikum. Ob man denn den nächsten Song kenne? Ein verhaltenses „YEES!“ aus dem Publikum. Sie animierte zum Mitsingen – es kam nichts. Man dürfe auch einfach „lalala“ singen, versuchte Mvula die Situation zu retten worauf das Publikum sich tatsächlich etwas lockerte. Die Band animierte zum Mitklatschen, die Armlehnen im Konzertsaal verhinderten jedoch, dass das Publikum den Rhythmus traf. „Do you wanna be free?“ fragte Mvula – aber das Publikum blieb gefangen sitzen in seinen Sesseln zwischen den Armlehnen. Nach einer Stunde dann endlich: Eindringlich betonte Mvula, sie hätte den nächsten Song – notabene den zweitletzten des Abends – zum Mittanzen geschrieben. Das Publikum erhob sich und fühlte plötzlich erstaunt, wie schön und befreit die vorangegangene Stunde sich hätte anfühlen können. Ob es das Durchschnittsalter, die Ticketpreise oder schlicht der Ort war – es lässt sich nur spekulieren. Aber die Vorstellung ist schön: Mvula an einem Open Air mit jungem, enthusiastischem Publikum – es ist vermutlich eine Wucht. Und vielleicht ein leiser Wink an die Festivalleitung, künftig erschwingliche Preise für Auszubildende anzubieten. Mvulas nächster Live-Auftritt ist dann wohl auch eher nach dem Geschmack der Sängerin: Am 12. August spielt sie auf der Hauptbühne am Flowfestival in Helsinki.

Roboter entern unsere Geschichte

Das Fumetto – Internationales Comix-Festival in Luzern feiert dieses Jahr sein 25jähriges Jubiläum und umfasst 11 Hauptausstellungen sowie 55 Satelliten. Zum internationalen Staraufgebot der Künstler gehört auch der Schotte Tom Gauld. Mit der Ausstellung im Historischen Museum zeigt Gauld erstmals die fiktive und vermenschlichte Entwicklungsgeschichte der Roboter: Minimale Striche, britischer Humor und ein treffendes Arrangement vor teilweise jahrhundertealten Objekten lassen eine vielschichtige Ausstellung entstehen. Tom Gauld lässt sich, wenn auch etwas verhalten, erfolgreich auf eine neue Art des Erzählens ein.

Der studierte Illustrator schafft kleine Menschen, Roboter, Monster und Astronauten. Gezeichnet mit Tusche auf Karton oder Papier, gefaltet oder geschnitten. Vereinfachte Formen, reduziert koloriert, knappe Dialoge. Der Humor liebevoll und absurd. Unter anderem zeichnet Tom Gauld für das New Scientist magazine, The New York Times und The Guardian. Und jetzt lässt er seine Figuren im Historischen Museum erzählen.

Hier gilt es diese Figuren erst einmal zu entdecken. Der Ausstellungsbesuch ähnelt einer Schnitzeljagd, kleine Schilder weisen den Weg. Tom Gauld hat seine kleinen Beiträge in die Dauerausstellung des Museums eingebettet und hier inmitten von tausenden historischen Objekten platziert.

Als erstes begrüsst der göttliche Roboter in einer Reihe von Kruzifixen, der Symbolik für Opfertod und der Verbindung von Menschen und Erde, Gott und den Mitmenschen. Auch mitten in den Andachtsbildern finden sich Erklärungen zur fiktiven Evolution der Roboter – wobei hier die Maschinen realer erscheinen als die historischen Abbilder der Heiligen.

Weiter musste im Depot des historischen Museums der Zunftvater Fritschi mitsamt Maskerade aus seiner Schublade weichen, an seiner Stelle wird nun die fiktive Geschichte der Roboter vermittelt. Und während ein Nanoboter über die Unmittelbarkeit seines Endes aufgrund eines einfachen Niesens sinniert, stellt ein anderer direkt unter dem Buchdrucker-Ehepaar Räber-Leu fest, dass früher alles einfacher war „Back in the days when robots just did as they were told“.

Durch den ungewohnten Kontext gelingt es Gauld auf subtile Weise nicht nur grosse Fragen der Gegenwart zu touchieren, sondern das Erzählen von Geschichte und Geschichten an sich zu thematisieren. An was glauben wir? Was ist unsere Geschichte und wer erzählt sie? Wohin führt uns die technologische Entwicklung?

Die Art und Weise des Erzählens bricht mit der klassischen Comixform, Gauld nutzt den Raum für seine Comix-Installation gekonnt, jedoch hält der Betrachter mit dem am Eingang abgegebenen Scanner selber einen Roboter in der Hand, dessen Potential Gauld unbeachtet lässt. So übt der Scanner ausschliesslich seinen ursprünglichen Job aus und zeigt dem Besucher der Dauerausstellung fleissig Informationen zu den historischen Objekten an. Was aber wiederum seinen Reiz hat – der Besucher erinnert sich unweigerlich an den Roboter der Zukunft und dessen Gedanken an seine Vorfahren „when robots just did as they were told“.

Neben den gelungenen Platzierungen und den pointierten Comix tragen interaktive Elemente zur Vielschichtigkeit dieser Ausstellung bei: Eine Roboterzeichnung muss erst wie ein Buch geöffnet werden bevor sie ihr Innenleben preisgibt, Schubladen müssen hervorgezogen und ein Roboter kann gar selber umgebaut werden. Tom Gauld fordert die Betrachter zur Interaktion, die Besucher sind angehalten zu suchen, zu handeln und zu denken. Gaulds Beiträge bleiben dabei jedoch einfach und halten sich stets im Hintergrund.

Einerseits hat das Subtile in Gaulds Installation unbestritten seine Qualität und der Charakter der Schnitzeljagd mag Programm sein – die Umschreibung der Geschichte durch die Roboter erscheint so als ein schleichender, kaum wahrnehmbarer Prozess. Anderseits hätte der Bezug zur Geschichtsschreibung oder der gegenwärtigen Digitalisierung expliziter sein dürfen, die Gegenüberstellungen provokativer. Die Installationen und eingeschobenen Zeichnungen wirken teilweise sehr zaghaft.

Dennoch blitzen durch Gaulds Zeichnungen und Installationen unter den säuberlich angeordneten Reliquien des historischen Museums Themen und Fragestellungen der Gegenwart hervor. Die Ausstellung lohnt sich – einmal mehr hat das Fumetto mit Künstler und spezieller Location einen Volltreffer gelandet.

Gauld twittert, dass er am 23. und 24. April persönlich am Fumetto sein wird. Die Gelegenheit, um eine persönliche Buchsignatur zu erhaschen und vielleicht die eine oder andere Frage ganz retro und analog beantwortet zu bekommen.

 

 Der 1976 in Aberdeen geborene Künstler lebt mit seiner Partnerin und seinen beiden Töchtern in London.

Die aktuellsten Cartoons von Tom Gauld sind auf seinem Blog „You’re all just jealous of my Jetpack“ öffentlich zugänglich http://myjetpack.tumblr.com

Auf tomgauld.com finden sich weitere Informationen zum Künstler und seinem Portfolio.  

Tom Gauld. The Unknown History of Robots
Kuratoren: Olivier Bron und Simon Libermann

Historisches Museum Luzern
16.04.2016 – 21.08.2016
Di-So 10-17 Uhr
An Feiertagen auch montags geöffnet
 24.04.2016 um 11 Uhr Vortrag von Tom Gauld im Maskenliebhabersaal (Süesswinkel 7) in Luzern (englisch)

Das 25. Internationale Comic-Festival Fumetto findet noch bis am Sonntag, 24. April 2016 an diversen Ausstellungsorten in Luzern statt www.fumetto.ch.