Und was gibts bei euch, Stammhalter oder Prinzessin?

Neulich an einer Hochzeit fragte mich Andrea: “Und bei euch, es Büebli oder es Meitli?”, wobei sier den roten Fussnagel des kleinen Geschöpfs musterte. Ich antwortete standesgemäss, fragte zurück und das Gespräch führte vom Alter über die Schlafgewohnheiten hin zu der Integration in der Nachbarschaft und war auch bei den hilfsbereiten Grosseltern noch nicht zu Ende. Wie Eltern-Smalltalk eben so ist. Aber: Dieses ständige “Es Büebli oder es Meitli?” nervt mich. Ein Kind, herrgottnochmal.

Ich erinnere mich auch an die ersten Gespräche, nachdem die Schwangerschaft meiner Frau bekannt war: “Was gibts?”. Wir wusstens nicht. Ein Mensch halt. Wir wussten nicht mal, ob das Kleine gesund ist. Die Ärztin bereitete uns irrtümlicherweise auf irgendeine Unstimmigkeit vor. Übers Geschlecht hätte sich unverfänglich sprechen lassen. Es scheint eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Eine kleine Ballerina oder ein Autorennfahrer?

Auch mein Freund John wird Vater. Er meinte kürzlich, er müsse unbedingt wissen, ob es einen Jungen oder ein Mädchen gäbe, schliesslich habe er eine klare Präferenz und wolle sich im Falle einer Enttäuschung darauf vorbereiten können - um dann den oder die Kleine trotzdem mit Liebe empfangen zu können (welche Erwartungen wohl hier mitschwingen?).

Am liebsten würde ich das Geschlecht unseres Kleinkindes noch immer geheim halten, auch jetzt, über ein Jahr nach der Geburt. Weil ich finde, dass es bei einem Kleinkind Typischeres, Spannenderes und Mitteilungswürdigeres gäbe als sein Geschlecht. “Es Büebli oder es Meitli?” “[Geht dich einen Scheissdreck an!] Ein Mensch”.

Noch wird mein_e Klein_e manchmal als Mädchen wahrgenommen, manchmal als Junge. Je nachdem, welche Kleidung ersie gerade nachträgt. Biologisch ist er eindeutig ein Junge, ich muss mir also nicht den Kopf zerbrechen am Widerspruch der gesellschaftlichen Erwartungen und der Realität meines Jungen und auch keine weiteren Pronomen verunstalten. Gemäss Wikipedia lässt sich jedoch jedes fünfhundertste Kind nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen (intersexuell). Je neuer die Studie, desto höher auch der Prozentanteil an Menschen, die sich nicht jenem Geschlecht zugehörig fühlen, welches ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde (transsexuell). Das Geschlecht ist also nicht schwarz-weiss, sondern fliessend. Hinzu kommt die Liebe, deren Bild ist bei uns noch immer heteronormativ. Wie sich das bei meinem Kleinen entwickelt, wird sich zeigen. Doch das ist noch nicht einmal der Kern der Diskussion und zielt auch an den allermeisten vorbei. Aber, angenommen John kriegt geschlechtlich ebenfalls eindeutigen Nachwuchs - warum soll dann der Junge von seinem ganzen Umfeld mit Baggern, Raubtieren und Autos beschenkt werden und das Mädchen mit Puppen, Blumen und Rüschchen-Kleidung? Warum soll er bei einem Mädchen ohne schlechtes Gewissen die Haare aus dem Gesicht frisieren dürfen und bei einem Jungen nicht? Diese Geschlechterrollen engen doch ein, oder? Sie zwängen die Kleinen in eine Identifikation, die vielleicht so gar nicht zu ihnen passt. Rosarot beispielsweise, so behaupte ich nach meinen nicht repräsentativen Beobachtungen im Bekanntenkreis, ist die Lieblingsfarbe nahezu aller kleinen Kinder.

Das ist für mich der Kern: Warum den Kleinen die Welt nur zur Hälfte öffnen? Warum ihnen gewisse Dinge verweigern, weil sie zu bübisch oder zu mädchenhaft sind? Warum ein schwarz-weiss-Denken forcieren, wenn doch gerade heute Offen- und Freiheit, Empathie und Toleranz als essentielle Werte verstanden werden wollen? Warum sollen sich die Kleinen an diesen fixierten Rollenbildern orientieren? Weil sie Orientierung brauchen? Echt jetzt? Leute, die sich nur über ihr Geschlecht definieren, sind mir suspekt und das entsprechende Gehabe scheint mir oft mit irgendeinem Defizit verbunden. Wollen wir das den Kleinen wirklich in die Wiege legen? Kleine, vulgäre Machos und kleine, narzistische Prinzessinnen herandressieren?

Ich wünschte mir weniger geschlechterfixierten Smalltalk, weniger geschlechterfixierte Kleidung, weniger Rollengezwänge gegenüber den Kindern (so geschehen im Bekanntenkreis: Der Kleine küsste ein Mädchen “Wow, der legt sich aber ins Zeug, chapeau!!” der Kuss wird bestärkt; higegen als die Kleine einen Jungen küsste: “Ohlala, ganz schön offensiv die Kleine, da müsst ihr aber aufpassen!” - hier ist der Kuss was schlechtes).

Aber man sollte bei sich anfangen. Das ist ja das Ungerechte am Eltern-Sein. Man findet sich gern in Rollen, die man nie hätte spielen wollen oder die man in der Theorie anklagt. Aktuell: Das Vorbild des vollzeit  arbeitenden Vaters in einer traditionellen Rollenteilung. Meine Frau und ich leben diesbezüglich momentan wie es vermutlich bereits unsere Grosseltern taten. Fiese Gesellschaft.

Und ob John nun das Geschlecht seines Nachwuchses bereits im Mutterleib kennt oder darauf verzichtet: Damit verändert sich kaum was an den Genderschranken. Aber wenn unsere Söhne ein Röckchen anziehen möchten oder gerne mit Puppen spielen, wenn sie erste Freunde und Freundinnen nach Hause bringen oder wenn sie ihr Hobby und später ihren Beruf wählen, dann wünsche ich mir, ohne Genderschranke darauf reagieren zu können. Mindestens das will ich hinkriegen. Da müssten wir uns als Gesellschaft gegenseitig ein bisschen helfen. Seid ihr dabei?

Danke übrigens an Andrea, dass der rote Fussnagel meines Sohnes so liebevoll angenommen wurde, das ist ein Anfang, er freute sich nämlich sehr über diesen Farbpunkt.