Strassentheater Compagnie Trottvoir: «Am Anfang wurde das Universum erschaffen – das macht heute noch Leute hässig»

Die Compagnie Trottvoir gastiert wieder in Luzern. Noch bis Sonntag zeigt das 10köpfige Zirkustheater jeweils um 16 und 20 Uhr seine neue Produktion „Überall niemand“. Während der 45-minütigen zirzensischen Performance begeistert die Show durch ihr harmonisches Zusammenspiel von poetischen Bildern, gesellschaftskritischen Ausrufen und gekonnter Artistik.

Eine eigentliche Geschichte gibt es nicht. Das Stimmengewirr, der Lärm. Die Ruhe. Die Pausen. Und immer wieder eine dynamische, präzise Körperlichkeit. Davon lebt „Überall niemand“. Wenn am Schluss der eine sagt „Ich habe das Spiel gewonnen“ – so ist es Ausdruck der gelungenen Darbietung, dass das Publikum zusammenfährt und erstmal betroffen schweigt, bevor der Applaus über den Platz brandet.

 

Nachdenkliche, namenlose Träumer

Von weitem fällt die gewaltige Menschenmenge auf dem Jesuitenplatz auf – zählen ist genauso unmöglich wie ein Durchkommen. An der Spitze der Menschentraube ein Zirkuswagen, eingekleidet mit Wellblech. Links und rechts ein hohes Gerüst, auf dem einen ein Trapez, auf dem anderen Schlagzeug, Bass und Gitarre.

Das Ensemble stürmt den Platz. Unverständliches Geschrei, ein Geknäuel. Dann plötzliche Stille. Manchmal habe er den Wunsch, „die Ohrstöpsel ins Ohr zu stecken, den Pamir drüber zu stülpen und den Kopf tief ins Wasser zu drücken. So lange, bis alles farbig wird. Wunderschön farbig“. Er ist namenlos, wie überhaupt alle im Stück. Es geht ums Mensch-Sein, um Macht, um Spiel, um Ohnmacht, um Grenzen und das Überschreiten ebensolcher.

„Wir sind Träumer – vollgas und risikoreich!“ wird begeistert kundgetan. Und die Truppe träumt, musiziert und spielt in einer Mischung aus Bewegungstheater, Zirkus und Performance. Vertikaldiabolo und Trapez beispielsweise wird auf bestechendem Niveau gezeigt. Immer wieder blitzen in der 45minütigen Show neben dem artistischen Können gesellschaftliche Themen auf – hierbei fasziniert die gefundene Balance zwischen kryptischem Ausdruck und spitzen Monologen.

Experimentelle Gesellschaftskritik und prägende Bilder

„Am Anfang wurde das Universum erschaffen – das macht heute noch Leute hässig“; es sind pointierte Aussagen wie diese, welche dem Schemenhaften der Show eine wage Form geben und die fragende und suchende Haltung der Truppe zum Ausdruck bringen.

„Überall niemand“ unter der Regie von Damian Dlaboha unterscheidet sich stark von den bisherigen Trottvoir-Produktionen. Die Artistik beschränkt sich auf Akrobatik, Keulenjonglage, Diabolo und Trapez. Weder Kunsträder noch Zauberei, weder Hutjonglage noch Einrad sind mit auf der Tour. Keine Freude, kein Gute-Stimmung-Spektakel, keine fassbaren Personen stehen auf dem Programm. Es ist Dynamik, Politik, Kunst. Aber auch Bewegungstheater, Musik, Wagnis und Experiment. Mutig und ein starkes Stück Theaterperformance. Trotz der Schwere des Stücks gelingt es, auch die Kleinsten im Publikum zu Begeistern – starke Bilder, gelungene Publikumsinteraktionen und feiner Humor durchweben die Show.

„Überall niemand“ lädt zum Stehenbleiben und begeisterten Zuschauen ein – um dann mit Exekutions-Explosionen zum Weiterdenken und Hinterfragen anzuregen, denn „niemand trägt die Schuld – aber alle tragen mit“. Wer sich darauf einlässt, freut sich über eine Performance, die sich nicht mit Spektakel begnügt.

Die Compagnie Trottvoir – eine bunte und vertraute Truppe

2011 wurde das Ensemble der Compagnie Trottvoir von ehemaligen und bestehenden Mitgliedern des Jugendzirkus Tortellini aus Luzern gegründet. Noch heute sind 6 der 10 Trottvoirs ehemalige Tortellinis – inzwischen sind fast alle hauptberuflich in den darstellenden Künsten tätig. Als Compagnie Trottvoir sind die Artistinnen und Artisten noch bis Ende August unterwegs. Die Tournée führt quer durch die Schweiz. Nächster Halt nach Luzern ist am 02. August St. Gallen.

Eintritt frei – Kollekte

Der Eintritt ist frei. Die Compagnie lebt aber hauptsächlich von den Einnahmen aus der Hutkollekte. Nur bei starkem Regen wird die Show nicht durchgeführt. Über Spiel oder Absage wird auf der Homepage informiert. Zum Schluss ein Tipp: Wer auf einem der Holzbänke vor der Bühne Platz finden möchte, muss rechtzeitig vor Ort sein. Die Luzerner Première war ein riesiger Publikumserfolg.

Ptydepe – Eine Kunstsprache versenkt die Menschlichkeit im Neubad

Damiàn Dlaboha (Regie), Béla Rothenbühler (Dramaturgie) und Livio Beyeler (Produktion) zeigen mit einem elfköpfigen Ensemble im Neubad in Luzern Václav Havels Tragikomödie „Die Benachrichtigung“ (uraufgeführt 1965). In seiner gut zweistündigen Abschlussinszenierung (Studium Regie an der ZHdK) gelingt Dlaboha eine überzeugende und sehenswerte Interpretation. Das junge Ensemble liefert ein kraftvolles Stück rund um Sprache und deren Missbrauch, Macht, Intrige, Sex und Bürokratie. Ein Ereignis ist auch die wirkungsvolle und perfekt ins Neubad eingepasste Bühne (Savino Caruso), die aber leider ihr Potential aufgrund des mageren Lichtkonzepts nicht ganz ausschöpfen kann. Dlaboha ist es gelungen, das Stück zeitgenössisch zu adaptieren, jedoch wirken die Geschlechter-Rollen antiquiert. Die Frauen sind Dummchen und die Männer machtgeil oder karrierefixiert. Versöhnlich: Beide Geschlechter verlieren sich gleichermassen in der Absurdität von Bürokratie und Entindividualisierung.

Ptydepe – eine Kunstsprache soll die Kommunikation vereinfachen
Emsig marschieren die Beamten auf ihren Turnschuhen, rhythmisch wird rasiert, Zähne geputzt, fliegen Dossiers um den Schreibtisch und rollen die Bürostühle auf den Kacheln der Neubad-Bühne. „Guten Morgen!“ wünscht man sich automatisiert. Das Publikum blickt auf einen ausladenden Bürotisch vor einer hohen, weissen Wand mit fünf Türen und einem Fenster, in welchem sich ein kleines, atelierhaftes Klanglabor befindet.

Gross (Jonas Götzinger), der Direktor des Amtes, sitzt mitten auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum. Eine Benachrichtigung in einer unverständlichen Sprache irritiert ihn. Die Assistentin meint gleichgültig, es sei wohl vergessen gegangen, den Direktor zu informieren. Hierauf verschwindet sie auf ihrem Bürostuhl rückwärts rasend von der Bühne, um kurz darauf Milch trinkend wieder hinein zu gleiten – so ist bereits zu Beginn klar: Das Erzählte ist grotesk und die Erzählweise absurd. Brillant die Idee, das ganze Geschehen in einen einzigen Raum zu packen und dem Publikum die Perspektive von Gross zu verpassen – sodass es ihm schon bald mit seinem Lachen gehörig in den Rücken fallen kann.

Im Amt wird die Kunstsprache „Ptydepe“ eingeführt. Dadurch soll die Kommunikation präzisiert und von den natürlichen Emotionen befreit werden. Denn „die natürlichen Sprachen sind ohne jede Kontrolle, mit anderen Worten: Unwissenschaftlich entstanden und damit in gewissem Sinn das Werk von Laien“.

Das Sprachexperiment wird zum Mittel für die Intrige von Gross’ Stellvertreter Balas und seinem Partner Kubsch. Direktor Gross ist der neuen Sprache nicht mächtig und so dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Die Anordnungen eines diffusen und gleichzeitig omnipräsenten „Oben“ nehmen ihren Lauf.

Der Mensch als Niemand in den Mühlen der Bürokratie
Die Kommunikation und die Sprache sollen professionalisiert und auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden –  das Vorhaben erweist sich als abstruser Spiegel einer „verwalteten Welt“.

Dlabohas Inszenierung verliert nach der Pause etwas an Schwung. Der inzwischen zum Direktor gewordene Balas befiehlt dem degradierten Gross „setz dich!“ und tatsächlich: Das Sitzen nimmt überhand auf der Bühne. Wenn Direktor Gross hier zu Balas sagt „mich irritiert ihre Ruhe!“ – so spricht er in diesem Moment die Gefühlslage des Publikums aus. Havels Mittel, den zweiten Teil parallel entlang dem ersten verlaufen zu lassen, scheint etwas hastig umgesetzt. Der abrupte Abgang und die Wandlung von Kubsch macht das Publikum vollends ratlos, zeigt aber gleichzeitig: Dieses Chaos ist gewollt. „Es scheint, die Dinge nehmen einen schnellen Verlauf“ kommentiert der neue Direktor treffend. Am Ende ist wieder alles wie zuvor. Auf diese Weise gelingt es trotz kurzem Hänger, die Apparatur zu demaskieren: Der Mensch als hilfloses Nichts seines selbst geschaffenen Bürokratie-Ungeheuers für sein Streben nach Perfektion, Macht und Kontrolle.

Sexsymbolik, House of Cards, lokaler Wahlkampf und ein Schuss Mani Matter
Als die Intrige zu Beginn des Abends ihren Lauf nimmt, beisst Kubsch unschuldig in den roten Apfel und beim Sturz des Direktors kürzt er kauend eine phallische Rübe. Das Interesse der Assistentin gilt neben der Milch den Weggli und Nüssen. Der jeweilige Direktor besitzt den Grösseren (Feuerlöscher) als sein Stellvertreter und die Milchflasche verkörpert Gross’ errigiertes Glied. Ein anderes Mal wird der Direktor von Kubsch dazu gezwungen, die Milch zu schlucken. Dabei erinnert er an die Stopfgans, welche im Amt auf dem Speiseplan steht. Weiter versetzt Dlabhoa seiner Figur Balas Attributte von Underwood aus der Netflix-Serie „House of Cards“ – ein topaktuelles Spiel von Macht und Intrige. Sogar der lokale Wahlkampf findet Eingang in die Inszenierung: Unter den Benachrichtigungen werden Wahlflyer über den Bürotisch gewirbelt.

Die Musik begleitet das Stück formidabel und trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, moderne Elemente in das 50jährige Stück einzubauen. In ihrem einem Morsebüro nachempfundenen Musiklabor fungieren Timo Keller und Mario Hänni als Beobachter und strebsame Ptydepe-Schüler. Ob ein Rhythmus mit Bleistiften, singende Saitenklänge, oder verzerrte live-Töne – die Musik überzeugt und schafft in Anlehnung an Morsezeichen und Matters Ballade „vo däm, wo vom Amt isch ufbote gsi“ einerseits ein passend psychedelisches Ambiente und schlägt anderseits den Bogen von damals zu heute.

Die zeitgenössischen Elemente illustrieren: „Die Benachrichtigung“ ist heute genauso aktuell wie damals in der Tschechoslowakei – Dlaboha und sein Ensemble beweisen dies mit ihrer Interpretation eindrucksvoll.

Ein gelungener Mix von Laien und Profis
Jonas Götzinger ist der einzige Profischauspieler im Ensemble der „Benachrichtigung“. Sein grossartiges und facettenreiches Spiel zieht die erfahrenen Laien mit, ohne deren Esprit und die Spielfreude zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die Truppe spielt erfrischend, das Zusammenspiel funktioniert.

«Die Benachrichtigung» ist das erste Projekt der Neubad-eigenen Förderplattform «Frische Kunst und Kultur im Neubad-Pool». Das war ein Start nach Mass und macht definitiv Lust auf mehr.

 

Die weiteren Vorstellungen von „Die Benachrichtigung“
im Neubad Luzern: 13.5. / 14.5.16 / auf der Bühne B in Zürich: 21.05.16
Reservationen: http://www.backstage-theater.ch/reservierung