Papa, was ist eigentlich im Himmel oben?

Mein dreijähriger Sohn hat das Fragen entdeckt. Warum ich diese Fragerei nicht als nerviges Gequassel, sondern als einen wunderbaren Aspekt des Vaterseins empfinde, schildere in einem weiteren Blogbeitrag auf zentralplus.

iele Bekannte amüsieren sich über die Warum-Fragen meines Sohnes: «Aha, in der Fragephase». Mein Dreijähriger ist dann jeweils irritiert. Andere nerven sich gar über die Fragerei und versuchen, sie zu stoppen. Ich wiederum geniesse diese «Zeit des Warums» und hoffe, das Fragen hält noch lange an. Die erste Frage, die mich an die Grenzen meines Erklärvermögens brachte, kam spontan an einem Nachmittag vor einigen Monaten beim Zvieri. Mein Sohn unterbrach sein Kauen, legte das Apfelringli auf den Tisch und fragte «Papa, was ist eigentlich im Himmel oben?». Seither sind Planeten und die Erde immer wieder ein Thema. Die Fragen kommen laufend und fordern auf ihre eigene Art und Weise.

Wenn das Haus davon fährt

Der Himmel hat es ihm angetan: Ein windiger Tag, Wolken ziehen am Himmel mit beeindruckendem Tempo über uns hinweg. Als ich aus dem Haus komme, steht er bereits staunend davor und schaut der Fassade entlang in den Himmel zu den Wolken: «Papa. Pa-pa.» sagt er langsam, staunend und leicht irritiert «das Haus fährt davon!».

Eine andere Situation: Meine Frau und ich suchen das Söckchen von der kleineren Schwester. Unser Dreijähriger rennt in die Küche und bringt es, wir bedanken uns. «Du wusstest also, wo es war?» – «Unter dem Küchentisch.» antwortet er und bleibt stehen um dann zu fragen: «Warum weiss ich das?» – «Du hast das in deinem Hirn gespeichert» – Er fasst sich an den Kopf und schaut uns beide an, meint dann ganz ernst zu mir: «Hast du kein Hirn?»

Wie oft habe ich in den letzten Wochen ganz einfache Dinge aus einer anderen Perspektive gesehen, wurde plötzlich nachdenklich wegen einer simplen Begebenheit oder musste lachen wegen einem banalen irgendwas. Ein wunderbarer Aspekt des Vaterseins. Ich liebe dieses immer weiterführende und nonstop wiederkehrende «Warum, Warum, Warum?». Die Fragen laden ein zur Reflexion oder sind spielerische Philosophie.

Ein paar Beispiele dafür:

Vogeldreck und Erkenntnistheorie

Wir setzten uns auf eine Sitzbank am Seeufer. Neben uns entdecken wir einen Vogeldreck. «Warum macht der Vogel sein Häufchen hierher und nicht ins Wasser?» – «Der Vogel überlegt sich nicht, dass es im Wasser passender wäre» – «Aber ich überlege das. Warum?» – «Weil wir über verschiedene Sachen nachdenken können» – «Warum können wir denken?»

Gesellschaftspolitik am Fahrradständer

Wir kommen vom Einkauf nach Hause, ich schliesse mein Fahrrad ab. «Warum schliesst du dein Velo ab?» – «Damit es niemand stiehlt» – «Warum gibt es Menschen, die stehlen?» –  «Weil sie vielleicht zu wenig Geld haben» – «Warum gibt es Menschen, die zu wenig Geld haben?»

Sonne, Mond und Erde

An einem Abend, erst noch bestaunten wir den Vollmond, steht unser Kleiner verblüfft am Fenster «Papa, schau, schau – der Mond ist kaputt». «Wir sehen nicht den ganzen Mond, die Sonne bescheint nur einen Teil» – Sonne und Mond, mein Sohn macht einen Gedankensprung: «Warum sind wir auf der Erde?».

Die Schlüsse, die unser Kleiner jeweils zieht, haben ihre eigene Logik. So auch dieser: Seine Mama pumpt Milch ab. Er fragt sie «Was ist das?» – «Eine Milchpumpe» – «Für was?» – «damit deine Schwester später Milch trinken kann» – «Dann bist du eine Kuh».

Plötzlich ist da ein „Ich“

In den letzten Tagen erhielt für mich die Vaterschaft eine neue Dimension – das zweijährige Kind entwickelte scheinbar vom einen auf den anderen Tag ein Ich-Bewusstsein. Ein knapper Bericht von Komplimenten zur Kleidung bis hin zu berührenden Selbstreflexionen und dem Wunsch, wieder „klein“ zu werden.

Die letzten Monate amüsierten wir uns Zuhause über die Personalpronomen von unserem Heranwachsenden. „Du“ hiess „ich“. Ist ja klar, wenn wir sagen „möchtest du was trinken“, dann lautete die logische Antwort: „Du trinke“. „Du mache“ meinte er, wenn er alleine etwas anpacken wollte und „Ping-Pong spielen du“ hiess, er wollte spielen. Nun heisst es vom einen Tag auf den anderen „Ich Ping-Pong spiele“. Plötzlich ist da ein „Ich“. Und nicht nur das Pronomen wechselte, sondern der ganze Auftritt.

Spürbar erkennt und reflektiert er auf einmal seine Emotionen und lässt uns daran teilhaben. Bisher unbekannte Ängste kommentiert er abends, wenn wir den Tag Revue passieren lassen, mit „Papa ganget, ich truurig“. Gestern brachte ich ihn ins Bett, er stellte fest: „Mama vell schaffe“ und einen Augenblick später meinte er „Ich gärn Mama“ – was für ein Moment! Heute nach dem Znacht dann, bekundete dieses neue Ich, dass es nochmals nach draussen wolle, um den Hasen im Nachbarsgarten eine gute Nacht zu wünschen. Taktisch geschickt, denn was ist gegen ein kurzes Gute-Nacht-Wünschen einzuwenden – wir machten uns bereit und nahmen die Jacken vom Haken. Der Zweijährige schaute mich an, strich über meine Jacke und meinte anerkennend „Schöni Jagge“. Das erste Kompliment von meinem Sohn! Das neue Ich wirkt auf seine Welt in einer Manier, dass ich kaum glaube, wie schnell ein solcher Entwicklungsschub vonstatten gehen kann.

Uns als Eltern irritierte jedoch diese schlagartige Veränderung ziemlich. Nach etwas googeln merkten wir aber: Der Kleine arbeitet klischeehaft alle Punkte ab, die man im dritten Lebensjahr halt eben so durchmacht. Total normal.

Gemäss Fachliteratur können die nächsten grossen Blöcke die Warum-Fragen sein, gefolgt vom fiktiven Freund respektive der fiktiven Freundin, danach entwickelt sich die Empathie und später kommen die Lügengeschichten, bevor sich dann die Pubertät ankündet. Aktuell muss der Kleine nun plötzlich mit Freude, kindlicher Lust, unbändigem Spieltrieb, einem riesigen Entdeckungsdrang, aber auch mit Schadenfreude, Neid, Eifersucht und Schuldbewusstsein zurechtkommen. Bäm, jäh ist der Damm der Emotionen gebrochen. 

Wenn das tatsächlich alles so urplötzlich und heftig zu Tage tritt, freue ich mich auf in unglaublicher Art und Weise immer intensiver werdende Vater- und Elternzeiten.

Einschlafen will er jetzt übrigens vermehrt alleine (danach ruft er einen zwar oft wieder zu sich und meint „ned ganget“, womit er bekundet, es habe alleine nicht geklappt, man solle nochmals kurz vorbei schauen), diesem Bedürfnis nach Selbständigkeit wird neustens auch mit der Versuchung, wieder „klein“ zu sein  begegnet. Er krabbelt auf allen Vieren und will den Schoppen trinken wie ein Säugling: „Ich Baby“. Verständlich, will er zwischendurch zurück: Ich stelle mir das unglaublich streng vor, wenn man sich auf einen Schlag als Person wahrnimmt, irgendwie steckt mir ja diese eigene Erfahrung immer noch in den Knochen, so glaube ich wenigstens zu spüren, wenn ich meinen Sohn so erlebe.

Und was gibts bei euch, Stammhalter oder Prinzessin?

Neulich an einer Hochzeit fragte mich Andrea: “Und bei euch, es Büebli oder es Meitli?”, wobei sier den roten Fussnagel des kleinen Geschöpfs musterte. Ich antwortete standesgemäss, fragte zurück und das Gespräch führte vom Alter über die Schlafgewohnheiten hin zu der Integration in der Nachbarschaft und war auch bei den hilfsbereiten Grosseltern noch nicht zu Ende. Wie Eltern-Smalltalk eben so ist. Aber: Dieses ständige “Es Büebli oder es Meitli?” nervt mich. Ein Kind, herrgottnochmal.

Ich erinnere mich auch an die ersten Gespräche, nachdem die Schwangerschaft meiner Frau bekannt war: “Was gibts?”. Wir wusstens nicht. Ein Mensch halt. Wir wussten nicht mal, ob das Kleine gesund ist. Die Ärztin bereitete uns irrtümlicherweise auf irgendeine Unstimmigkeit vor. Übers Geschlecht hätte sich unverfänglich sprechen lassen. Es scheint eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Eine kleine Ballerina oder ein Autorennfahrer?

Auch mein Freund John wird Vater. Er meinte kürzlich, er müsse unbedingt wissen, ob es einen Jungen oder ein Mädchen gäbe, schliesslich habe er eine klare Präferenz und wolle sich im Falle einer Enttäuschung darauf vorbereiten können - um dann den oder die Kleine trotzdem mit Liebe empfangen zu können (welche Erwartungen wohl hier mitschwingen?).

Am liebsten würde ich das Geschlecht unseres Kleinkindes noch immer geheim halten, auch jetzt, über ein Jahr nach der Geburt. Weil ich finde, dass es bei einem Kleinkind Typischeres, Spannenderes und Mitteilungswürdigeres gäbe als sein Geschlecht. “Es Büebli oder es Meitli?” “[Geht dich einen Scheissdreck an!] Ein Mensch”.

Noch wird mein_e Klein_e manchmal als Mädchen wahrgenommen, manchmal als Junge. Je nachdem, welche Kleidung ersie gerade nachträgt. Biologisch ist er eindeutig ein Junge, ich muss mir also nicht den Kopf zerbrechen am Widerspruch der gesellschaftlichen Erwartungen und der Realität meines Jungen und auch keine weiteren Pronomen verunstalten. Gemäss Wikipedia lässt sich jedoch jedes fünfhundertste Kind nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen (intersexuell). Je neuer die Studie, desto höher auch der Prozentanteil an Menschen, die sich nicht jenem Geschlecht zugehörig fühlen, welches ihnen bei der Geburt zugeteilt wurde (transsexuell). Das Geschlecht ist also nicht schwarz-weiss, sondern fliessend. Hinzu kommt die Liebe, deren Bild ist bei uns noch immer heteronormativ. Wie sich das bei meinem Kleinen entwickelt, wird sich zeigen. Doch das ist noch nicht einmal der Kern der Diskussion und zielt auch an den allermeisten vorbei. Aber, angenommen John kriegt geschlechtlich ebenfalls eindeutigen Nachwuchs - warum soll dann der Junge von seinem ganzen Umfeld mit Baggern, Raubtieren und Autos beschenkt werden und das Mädchen mit Puppen, Blumen und Rüschchen-Kleidung? Warum soll er bei einem Mädchen ohne schlechtes Gewissen die Haare aus dem Gesicht frisieren dürfen und bei einem Jungen nicht? Diese Geschlechterrollen engen doch ein, oder? Sie zwängen die Kleinen in eine Identifikation, die vielleicht so gar nicht zu ihnen passt. Rosarot beispielsweise, so behaupte ich nach meinen nicht repräsentativen Beobachtungen im Bekanntenkreis, ist die Lieblingsfarbe nahezu aller kleinen Kinder.

Das ist für mich der Kern: Warum den Kleinen die Welt nur zur Hälfte öffnen? Warum ihnen gewisse Dinge verweigern, weil sie zu bübisch oder zu mädchenhaft sind? Warum ein schwarz-weiss-Denken forcieren, wenn doch gerade heute Offen- und Freiheit, Empathie und Toleranz als essentielle Werte verstanden werden wollen? Warum sollen sich die Kleinen an diesen fixierten Rollenbildern orientieren? Weil sie Orientierung brauchen? Echt jetzt? Leute, die sich nur über ihr Geschlecht definieren, sind mir suspekt und das entsprechende Gehabe scheint mir oft mit irgendeinem Defizit verbunden. Wollen wir das den Kleinen wirklich in die Wiege legen? Kleine, vulgäre Machos und kleine, narzistische Prinzessinnen herandressieren?

Ich wünschte mir weniger geschlechterfixierten Smalltalk, weniger geschlechterfixierte Kleidung, weniger Rollengezwänge gegenüber den Kindern (so geschehen im Bekanntenkreis: Der Kleine küsste ein Mädchen “Wow, der legt sich aber ins Zeug, chapeau!!” der Kuss wird bestärkt; higegen als die Kleine einen Jungen küsste: “Ohlala, ganz schön offensiv die Kleine, da müsst ihr aber aufpassen!” - hier ist der Kuss was schlechtes).

Aber man sollte bei sich anfangen. Das ist ja das Ungerechte am Eltern-Sein. Man findet sich gern in Rollen, die man nie hätte spielen wollen oder die man in der Theorie anklagt. Aktuell: Das Vorbild des vollzeit  arbeitenden Vaters in einer traditionellen Rollenteilung. Meine Frau und ich leben diesbezüglich momentan wie es vermutlich bereits unsere Grosseltern taten. Fiese Gesellschaft.

Und ob John nun das Geschlecht seines Nachwuchses bereits im Mutterleib kennt oder darauf verzichtet: Damit verändert sich kaum was an den Genderschranken. Aber wenn unsere Söhne ein Röckchen anziehen möchten oder gerne mit Puppen spielen, wenn sie erste Freunde und Freundinnen nach Hause bringen oder wenn sie ihr Hobby und später ihren Beruf wählen, dann wünsche ich mir, ohne Genderschranke darauf reagieren zu können. Mindestens das will ich hinkriegen. Da müssten wir uns als Gesellschaft gegenseitig ein bisschen helfen. Seid ihr dabei?

Danke übrigens an Andrea, dass der rote Fussnagel meines Sohnes so liebevoll angenommen wurde, das ist ein Anfang, er freute sich nämlich sehr über diesen Farbpunkt.

Eine 1. Klass-Weltreise mitten in die Katastrophe

Im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums des Schweizerischen Roten Kreuzes ist im Verkehrshaus Luzern noch bis zum 17. Januar 2017 die sehenswerte Sonderausstellung „Weltreise Rotes Kreuz“ zu sehen. Auf einer interaktiven Reise erfährt man, wie das SRK Menschen in den ärmsten Regionen weltweit vor Katastrophen schützt und wie diese Arbeit künftig aussehen könnte.

Raus aus der Komfortzone

Ein Sofa, der Fernseher davor. Die Ausstellung beginnt im Wohnzimmer. Da, wo es behaglich ist. Was auf dem Bildschirm erscheint, lässt die Katastrophen erahnen, bei welchen das Rote Kreuz täglich Nothilfe und Präventionsarbeit leistet: „Das Luzerner Seebecken wird evakuiert – 30x im Jahr“, „Im Seeland regnet es zwei Jahre nicht“, „An der Basler Fasnacht bebt die Stadt - Münsterund Roche-Turm sehen jetzt ähnlich aus“. Als Besucher wird man sprichwörtlich aus seiner Komfortzone gerissen. Ein Ticket holt einem weg vom Sofa. Es geht auf Weltreise: Äthiopien, Ghana, Haiti, Honduras, Nepal und Philippinen. Knappe Ressourcen, Epidemien und Armutsblindheit, Hurrikane und Erdbeben, Erdrutsche und Strassengangs, Monsun und Müll, Taifune und Hochwasser.

 Sorgfältige Inszenierung und eindrückliche Medien

Die Reisedestinationen bestehen aus einem Strichcodelesegerät und einem Bildschirm. Nach dem Einlesen des Tickets schlüpfen die Besucherinnen und Besucher in die Rolle der Reisenden. Über grosse Buttons werden diverse Reise-Entscheidungen getroffen. Gehe ich mit ins Dorf? Nehme ich Flugzeug oder Bus? Helfe ich der Schwangeren beim Ausstieg aus dem Boot?

Grossformatige Bild- und Textkompositionen informieren über zentrale Herausforderungen des bereisten Landes. Per Knopfdruck lernt man auf einem weiteren Bildschirm Projekte des Roten Kreuzes und betroffene Menschen kennen.

Gekonnt ist auch die Verknüpfung mit der Lokalität der Ausstellung: Nachbauten typischer Verkehrsmittel aus den bereisten Ländern lassen aus dem Fenster blicken und die Landschaften ihre eigenen Geschichten erzählen.

 Das SRK künftig gegen Biorobotic und zwischen Ressourcenkriegen?

Am Ende der Weltreise nimmt der fiktive Henri Dunant die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Zeitreise mit entscheidenden Stationen des Roten Kreuzes. Wohin es geht auf dem Zeitstrahl, das entscheidet das Publikum selber. Zurück ins Jahr 1859 zur Schlacht in Solferino? Oder zum Erdbeben in Messina 1908?

Oder gar in die Zukunft? Dunant prophezeit 2055 gefährliche Medizinchips, die an mobilen Stationen weltweit rausopperiert werden müssen. Und 2066 wird das Rote Kreuz helfen müssen, wenn der grosse Krieg um die Ressourcen ausbricht.

Interaktives und persönliches Erleben

Die vielfältige Ausstellung will nicht nur die Katastrophen und das Engagement in der Nothilfe zeigen. Es sind Präventionsprojekte, die genauso im Fokus stehen.  Risikoanalysen, Bildungsmöglichkeiten und Aufforstungsprogramme gehören unter anderem dazu.

Das Entscheiden-Müssen, das Mitreisen in länderspezifischen Verkehrsmitteln und die persönlichen Geschichten von Betroffenen sowie der Einblick in aktuelle Projekte lassen Besucherinnen und Besucher die Länder, deren Bewohnerinnen und Bewohner sowie Herausforderungen erleben. Der Ausstellung gelingt die Balance zwischen Unterhaltung, Information und nie aufdringlicher Werbung für die Organisation an sich ausgezeichnet. Etwas seltsam mutet einzig an, dass die Reise in die Katastrophengebiete quasi in der ersten Klasse angetreten wird: Die Ausstellung ist piekfein, perfekt orchestriert und hochwertig ausgestattet. Der krasse Gegensatz zwischen dem Gezeigten und dessen Darstellung irritiert, was aber passend ist in unserer Welt voller Ungleichheiten.

 Unterlagen für Schulen und Lehrpersonen

Die Ausstellung liefert neben vertiefenden Informationen auf der Webseite weltreiseroteskreuz.ch auch Arbeitsblätter und Vorbereitungsmaterial für den Besuch.

 

Das Reh – Hagens Körperwelten am Wildtier

Noch bis zum  30. Oktober 2016 zeigt das Naturmuseum Luzern die Wanderausstellung „Das Reh – Durch Anpassung zum Erfolg“. Die kleine Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion der Naturmuseen Olten und Thurgau.

Die lebensechten Präparate sowie die eindrücklichen Fotografien sind das Highlight der Sonderausstellung. Zudem ermöglichen unter anderem das Plastinat eines Rehmagens oder auch die sichtbar gemachten Blutgefässe am Rehkopf einen ungewöhnlichen Blick auf das bekannte Wildtier. Die durchaus informativen Texte und digitalen Medien hingegen wirken leider etwas altbacken.

Spannende Informationen

Wie läuft eine Rehgeburt ab und wie schaut diese aus? Wie klingt das Fiepen einer Rehgeiss oder der Kontaktlaut des Kitzes? Wie erkennt man eine Rehspur? Was frisst ein Reh und wie schaut Rehkot aus? Warum wird das Reh vom Menschen gejagt und weshalb ist der Luchs mitverantwortlich für die Rehpopulation?

Das Reh, die häufigste wildlebende Huftierart der Schweiz, ist bekannt und weit verbreitet. Dennoch gibt es viel Neues zu entdecken in der Ausstellung des Naturmuseums. Im Raum für Sonderausstellungen im Parterre finden sich grossflächige Bilder, Holzkästen mit Infotexten, Videos und Gegenstände rund ums Reh sowie Präparate, die die Verhaltensweise des Rehs lebensecht darstellen.  

Neue Blickwinkel

Sehr anschaulich zeigt die Ausstellung dank Tierpräparaten dieBesonderheiten des Rehs. So ermöglichen beispielsweise die beiden Präparatorien des Anatomen Gunther von Hagens (bekannt durch die Ausstellung „Körperwelten“) zum einen den Blick in die Magenkammern des Rehs und zum anderen wurden in einem speziellen Verfahren die Blutgefässe des Rehkopfs- und Geweihs sichtbar gemacht.

Ein Puzzle animiert die Besucherinnen und Besucher zudem herauszufinden, was das Reh frisst und was es verschmäht. Ein Geweih liegt bereit zum Ertasten und Hörbeispiele wie Filmaufnahmen lassen tiefer in die Welt des Rehs hören und blicken.

Für Kinder zu komplexe Texte und unglücklich präsentierte Videos

Obwohl die Ausstellung inhaltlich spannend und ästhetisch gelungen ist, bleiben Makel. Die gezeigten Videos sind äusserst kleinformatig und teilweise tonlos. Zudem sind sie nur im Stehen und aus Erwachsenen-Perspektive gut zu sehen, aus der Sitzposition oder Kinderhöhe stimmt der Winkel nicht mehr und das Gezeigte ist kaum erkennbar. Auch die Infotexte sind etwas gar trocken in Fachsprache gehalten und beim Video mit dem eigentlich spannenden aber äusserst monotonen Interview eines Forstwarts bleiben auch beim erwachsenen Laien einige Fragezeichen. Der Spagat über das breite Zielpublikum vom Erwachsenen bis zum Kind gelingt nicht ganz. 

Einen Besuch wert

Dennoch lohn sich ein Besuch. Die hohe Qualität der Präparate ist äusserst beeindruckend, die säugenden Kitze beispielsweise sind allerliebst und der Luchs am Rehriss imposant.

Für Kinder jedoch steht weniger das Selber-Entdecken im Vordergrund, denn der grosse Teil des Ausgestellten darf nicht angefasst werden, die Videos sind klein und die Texte wie auch die gezeigten Interviews für Schüler kaum verständlich. So bleibt den jüngeren Besuchern das Bestaunen der beeindruckenden Präparate und das Zuhören, wenn die Begleitung das Gesehene erklärt. Für Schulklassen dürfte ein Besuch entsprechend nur mit einer Führung zum Erfolg werden. Dann aber erscheint das vertraute Wildtier in neuem Licht – spannend und lehrreich.

Ptydepe – Eine Kunstsprache versenkt die Menschlichkeit im Neubad

Damiàn Dlaboha (Regie), Béla Rothenbühler (Dramaturgie) und Livio Beyeler (Produktion) zeigen mit einem elfköpfigen Ensemble im Neubad in Luzern Václav Havels Tragikomödie „Die Benachrichtigung“ (uraufgeführt 1965). In seiner gut zweistündigen Abschlussinszenierung (Studium Regie an der ZHdK) gelingt Dlaboha eine überzeugende und sehenswerte Interpretation. Das junge Ensemble liefert ein kraftvolles Stück rund um Sprache und deren Missbrauch, Macht, Intrige, Sex und Bürokratie. Ein Ereignis ist auch die wirkungsvolle und perfekt ins Neubad eingepasste Bühne (Savino Caruso), die aber leider ihr Potential aufgrund des mageren Lichtkonzepts nicht ganz ausschöpfen kann. Dlaboha ist es gelungen, das Stück zeitgenössisch zu adaptieren, jedoch wirken die Geschlechter-Rollen antiquiert. Die Frauen sind Dummchen und die Männer machtgeil oder karrierefixiert. Versöhnlich: Beide Geschlechter verlieren sich gleichermassen in der Absurdität von Bürokratie und Entindividualisierung.

Ptydepe – eine Kunstsprache soll die Kommunikation vereinfachen
Emsig marschieren die Beamten auf ihren Turnschuhen, rhythmisch wird rasiert, Zähne geputzt, fliegen Dossiers um den Schreibtisch und rollen die Bürostühle auf den Kacheln der Neubad-Bühne. „Guten Morgen!“ wünscht man sich automatisiert. Das Publikum blickt auf einen ausladenden Bürotisch vor einer hohen, weissen Wand mit fünf Türen und einem Fenster, in welchem sich ein kleines, atelierhaftes Klanglabor befindet.

Gross (Jonas Götzinger), der Direktor des Amtes, sitzt mitten auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum. Eine Benachrichtigung in einer unverständlichen Sprache irritiert ihn. Die Assistentin meint gleichgültig, es sei wohl vergessen gegangen, den Direktor zu informieren. Hierauf verschwindet sie auf ihrem Bürostuhl rückwärts rasend von der Bühne, um kurz darauf Milch trinkend wieder hinein zu gleiten – so ist bereits zu Beginn klar: Das Erzählte ist grotesk und die Erzählweise absurd. Brillant die Idee, das ganze Geschehen in einen einzigen Raum zu packen und dem Publikum die Perspektive von Gross zu verpassen – sodass es ihm schon bald mit seinem Lachen gehörig in den Rücken fallen kann.

Im Amt wird die Kunstsprache „Ptydepe“ eingeführt. Dadurch soll die Kommunikation präzisiert und von den natürlichen Emotionen befreit werden. Denn „die natürlichen Sprachen sind ohne jede Kontrolle, mit anderen Worten: Unwissenschaftlich entstanden und damit in gewissem Sinn das Werk von Laien“.

Das Sprachexperiment wird zum Mittel für die Intrige von Gross’ Stellvertreter Balas und seinem Partner Kubsch. Direktor Gross ist der neuen Sprache nicht mächtig und so dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Die Anordnungen eines diffusen und gleichzeitig omnipräsenten „Oben“ nehmen ihren Lauf.

Der Mensch als Niemand in den Mühlen der Bürokratie
Die Kommunikation und die Sprache sollen professionalisiert und auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden –  das Vorhaben erweist sich als abstruser Spiegel einer „verwalteten Welt“.

Dlabohas Inszenierung verliert nach der Pause etwas an Schwung. Der inzwischen zum Direktor gewordene Balas befiehlt dem degradierten Gross „setz dich!“ und tatsächlich: Das Sitzen nimmt überhand auf der Bühne. Wenn Direktor Gross hier zu Balas sagt „mich irritiert ihre Ruhe!“ – so spricht er in diesem Moment die Gefühlslage des Publikums aus. Havels Mittel, den zweiten Teil parallel entlang dem ersten verlaufen zu lassen, scheint etwas hastig umgesetzt. Der abrupte Abgang und die Wandlung von Kubsch macht das Publikum vollends ratlos, zeigt aber gleichzeitig: Dieses Chaos ist gewollt. „Es scheint, die Dinge nehmen einen schnellen Verlauf“ kommentiert der neue Direktor treffend. Am Ende ist wieder alles wie zuvor. Auf diese Weise gelingt es trotz kurzem Hänger, die Apparatur zu demaskieren: Der Mensch als hilfloses Nichts seines selbst geschaffenen Bürokratie-Ungeheuers für sein Streben nach Perfektion, Macht und Kontrolle.

Sexsymbolik, House of Cards, lokaler Wahlkampf und ein Schuss Mani Matter
Als die Intrige zu Beginn des Abends ihren Lauf nimmt, beisst Kubsch unschuldig in den roten Apfel und beim Sturz des Direktors kürzt er kauend eine phallische Rübe. Das Interesse der Assistentin gilt neben der Milch den Weggli und Nüssen. Der jeweilige Direktor besitzt den Grösseren (Feuerlöscher) als sein Stellvertreter und die Milchflasche verkörpert Gross’ errigiertes Glied. Ein anderes Mal wird der Direktor von Kubsch dazu gezwungen, die Milch zu schlucken. Dabei erinnert er an die Stopfgans, welche im Amt auf dem Speiseplan steht. Weiter versetzt Dlabhoa seiner Figur Balas Attributte von Underwood aus der Netflix-Serie „House of Cards“ – ein topaktuelles Spiel von Macht und Intrige. Sogar der lokale Wahlkampf findet Eingang in die Inszenierung: Unter den Benachrichtigungen werden Wahlflyer über den Bürotisch gewirbelt.

Die Musik begleitet das Stück formidabel und trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, moderne Elemente in das 50jährige Stück einzubauen. In ihrem einem Morsebüro nachempfundenen Musiklabor fungieren Timo Keller und Mario Hänni als Beobachter und strebsame Ptydepe-Schüler. Ob ein Rhythmus mit Bleistiften, singende Saitenklänge, oder verzerrte live-Töne – die Musik überzeugt und schafft in Anlehnung an Morsezeichen und Matters Ballade „vo däm, wo vom Amt isch ufbote gsi“ einerseits ein passend psychedelisches Ambiente und schlägt anderseits den Bogen von damals zu heute.

Die zeitgenössischen Elemente illustrieren: „Die Benachrichtigung“ ist heute genauso aktuell wie damals in der Tschechoslowakei – Dlaboha und sein Ensemble beweisen dies mit ihrer Interpretation eindrucksvoll.

Ein gelungener Mix von Laien und Profis
Jonas Götzinger ist der einzige Profischauspieler im Ensemble der „Benachrichtigung“. Sein grossartiges und facettenreiches Spiel zieht die erfahrenen Laien mit, ohne deren Esprit und die Spielfreude zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die Truppe spielt erfrischend, das Zusammenspiel funktioniert.

«Die Benachrichtigung» ist das erste Projekt der Neubad-eigenen Förderplattform «Frische Kunst und Kultur im Neubad-Pool». Das war ein Start nach Mass und macht definitiv Lust auf mehr.

 

Die weiteren Vorstellungen von „Die Benachrichtigung“
im Neubad Luzern: 13.5. / 14.5.16 / auf der Bühne B in Zürich: 21.05.16
Reservationen: http://www.backstage-theater.ch/reservierung

Roboter entern unsere Geschichte

Das Fumetto – Internationales Comix-Festival in Luzern feiert dieses Jahr sein 25jähriges Jubiläum und umfasst 11 Hauptausstellungen sowie 55 Satelliten. Zum internationalen Staraufgebot der Künstler gehört auch der Schotte Tom Gauld. Mit der Ausstellung im Historischen Museum zeigt Gauld erstmals die fiktive und vermenschlichte Entwicklungsgeschichte der Roboter: Minimale Striche, britischer Humor und ein treffendes Arrangement vor teilweise jahrhundertealten Objekten lassen eine vielschichtige Ausstellung entstehen. Tom Gauld lässt sich, wenn auch etwas verhalten, erfolgreich auf eine neue Art des Erzählens ein.

Der studierte Illustrator schafft kleine Menschen, Roboter, Monster und Astronauten. Gezeichnet mit Tusche auf Karton oder Papier, gefaltet oder geschnitten. Vereinfachte Formen, reduziert koloriert, knappe Dialoge. Der Humor liebevoll und absurd. Unter anderem zeichnet Tom Gauld für das New Scientist magazine, The New York Times und The Guardian. Und jetzt lässt er seine Figuren im Historischen Museum erzählen.

Hier gilt es diese Figuren erst einmal zu entdecken. Der Ausstellungsbesuch ähnelt einer Schnitzeljagd, kleine Schilder weisen den Weg. Tom Gauld hat seine kleinen Beiträge in die Dauerausstellung des Museums eingebettet und hier inmitten von tausenden historischen Objekten platziert.

Als erstes begrüsst der göttliche Roboter in einer Reihe von Kruzifixen, der Symbolik für Opfertod und der Verbindung von Menschen und Erde, Gott und den Mitmenschen. Auch mitten in den Andachtsbildern finden sich Erklärungen zur fiktiven Evolution der Roboter – wobei hier die Maschinen realer erscheinen als die historischen Abbilder der Heiligen.

Weiter musste im Depot des historischen Museums der Zunftvater Fritschi mitsamt Maskerade aus seiner Schublade weichen, an seiner Stelle wird nun die fiktive Geschichte der Roboter vermittelt. Und während ein Nanoboter über die Unmittelbarkeit seines Endes aufgrund eines einfachen Niesens sinniert, stellt ein anderer direkt unter dem Buchdrucker-Ehepaar Räber-Leu fest, dass früher alles einfacher war „Back in the days when robots just did as they were told“.

Durch den ungewohnten Kontext gelingt es Gauld auf subtile Weise nicht nur grosse Fragen der Gegenwart zu touchieren, sondern das Erzählen von Geschichte und Geschichten an sich zu thematisieren. An was glauben wir? Was ist unsere Geschichte und wer erzählt sie? Wohin führt uns die technologische Entwicklung?

Die Art und Weise des Erzählens bricht mit der klassischen Comixform, Gauld nutzt den Raum für seine Comix-Installation gekonnt, jedoch hält der Betrachter mit dem am Eingang abgegebenen Scanner selber einen Roboter in der Hand, dessen Potential Gauld unbeachtet lässt. So übt der Scanner ausschliesslich seinen ursprünglichen Job aus und zeigt dem Besucher der Dauerausstellung fleissig Informationen zu den historischen Objekten an. Was aber wiederum seinen Reiz hat – der Besucher erinnert sich unweigerlich an den Roboter der Zukunft und dessen Gedanken an seine Vorfahren „when robots just did as they were told“.

Neben den gelungenen Platzierungen und den pointierten Comix tragen interaktive Elemente zur Vielschichtigkeit dieser Ausstellung bei: Eine Roboterzeichnung muss erst wie ein Buch geöffnet werden bevor sie ihr Innenleben preisgibt, Schubladen müssen hervorgezogen und ein Roboter kann gar selber umgebaut werden. Tom Gauld fordert die Betrachter zur Interaktion, die Besucher sind angehalten zu suchen, zu handeln und zu denken. Gaulds Beiträge bleiben dabei jedoch einfach und halten sich stets im Hintergrund.

Einerseits hat das Subtile in Gaulds Installation unbestritten seine Qualität und der Charakter der Schnitzeljagd mag Programm sein – die Umschreibung der Geschichte durch die Roboter erscheint so als ein schleichender, kaum wahrnehmbarer Prozess. Anderseits hätte der Bezug zur Geschichtsschreibung oder der gegenwärtigen Digitalisierung expliziter sein dürfen, die Gegenüberstellungen provokativer. Die Installationen und eingeschobenen Zeichnungen wirken teilweise sehr zaghaft.

Dennoch blitzen durch Gaulds Zeichnungen und Installationen unter den säuberlich angeordneten Reliquien des historischen Museums Themen und Fragestellungen der Gegenwart hervor. Die Ausstellung lohnt sich – einmal mehr hat das Fumetto mit Künstler und spezieller Location einen Volltreffer gelandet.

Gauld twittert, dass er am 23. und 24. April persönlich am Fumetto sein wird. Die Gelegenheit, um eine persönliche Buchsignatur zu erhaschen und vielleicht die eine oder andere Frage ganz retro und analog beantwortet zu bekommen.

 

 Der 1976 in Aberdeen geborene Künstler lebt mit seiner Partnerin und seinen beiden Töchtern in London.

Die aktuellsten Cartoons von Tom Gauld sind auf seinem Blog „You’re all just jealous of my Jetpack“ öffentlich zugänglich http://myjetpack.tumblr.com

Auf tomgauld.com finden sich weitere Informationen zum Künstler und seinem Portfolio.  

Tom Gauld. The Unknown History of Robots
Kuratoren: Olivier Bron und Simon Libermann

Historisches Museum Luzern
16.04.2016 – 21.08.2016
Di-So 10-17 Uhr
An Feiertagen auch montags geöffnet
 24.04.2016 um 11 Uhr Vortrag von Tom Gauld im Maskenliebhabersaal (Süesswinkel 7) in Luzern (englisch)

Das 25. Internationale Comic-Festival Fumetto findet noch bis am Sonntag, 24. April 2016 an diversen Ausstellungsorten in Luzern statt www.fumetto.ch.