Mein Sohn will seinen Grossbaba essen


Als Eltern haben wir unserem Sohn in den Ferien Fleisch aufgetischt. Da dieser sich nicht gewohnt war, Tiere zu essen, will er jetzt auch seine nächsten Verwandten backen. Vielleicht ist ein fleischfreier Haushalt ja doch nicht so förderlich, um die gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu erlernen, denke ich mir und stehe meinem Sohn ratlos gegenüber.

 Fleisch ist Tier

Das Kaninchen lag, unkenntlich zwar, aber mitsamt Knochen, auf dem Teller. „Das Has?“ Ja, das war ein Hase. Unser Kleiner hat die Bestellung mitbekommen. „Chaner nömme renne?“, „Nein, rennen kann der nicht mehr, er ist tot. Um ein Tier zu essen, muss man es töten“. Der Kleine ergänzt: „Und backen“. Seither sind Tiere auf dem Tisch ein Thema. Denn von Zuhause ist sich unser Sohn das nicht gewohnt, da gibt es selten mal ein Fischfilet aus dem Vierwaldstättersee – ansonsten muss sich der kleine Gourmet wegen der elterlichen Überzeugung mit pflanzlicher Kost arrangieren. Aber nun, in den Sommerferien, da gab es in einem Restaurant Hase. Eine lokale Spezialität, vom Wirten ans Herz gelegt und mangels Alternativen bestellt. Das führt nun beim Kleinen zu reichlich Verwirrung.

 

Freund Thimmy

Regelmässig am Dienstag haben wir Thimmy zu Besuch. Thimmy ist ein Hund und mein Sohn liebt ihn heiss. Sie machen gemeinsam Mittagsruhe, Thimmy frisst sein Essen nur, wenn er vom Zweieinhalbjährigen gefüttert wird und gemeinsam rennen sie um Bäume, erkunden Bachbeete und legen sich neben- und übereinander in die Sonne. Das Erlebnis mit dem Hasen liess nun meinen Sohn fragen, ob er denn Thimmy kochen dürfe. „Aber nein, Thimmy essen wir doch nicht“. „Aber Has ässe“. Ja, Hase schon. Warum eigentlich? Zum Glück ist mein Kleiner noch nicht im Frage-Alter – und fürs eigene Gewissen: Hase ist ja nicht Schwein oder Kuh. Kaninchen ist im Verhältnis nachhaltig. Aber halt trotzdem tot und mit Mastvergangenheit, wenn es auf dem Teller liegt. Damit komm ich klar, aber mein Sohn treibt mich in die Enge.

 

Grossvater im Ofen

Grossvater schaut jeweils am Donnerstag auf den Kleinen. Und mein Sohn scheint die speziesistische Trennung immer noch nicht begreifen zu wollen. Zum Zmittag bei Bekannten gab es Fleisch. Rinderwurst. Das hat mir mein Kleiner erzählt, als wir hinter der Museggmauer die schottischen Hochlandrinder bestaunten. Ja, Kühe kann man auch essen. „Zersch töte“. Ja, das ist so. „Und backe“. Oder wursten. Und nun, an einem Freitagmorgen, spielt mein Sohn in der Küche und hantiert mit Pfannen und Kellen. Er schiebt, fiktiv zwar, aber realistisch genug, tatsächlich seinen Grossvater in den Ofen. „Grobaba backe“.

 

Wir müssen reden. Was muss ich tun, dass mein Kleiner diese Unterscheidung hinkriegt und nicht zum Menschenfresser wird? Immerhin rechnet er das CO2 und die verhungernden Kinder, denen unsere Nutztiere das Essen wegfressen, noch nicht auf. Denn da bleibt mir später wohl tatsächlich nur, die Gesellschaft anzuschwärzen. Oder wie erklärt ihr Fleisch- und Käse-Essenden euren Kindern diesen gedanklichen Spagat und ökologischen Widerspruch? Was kann ich tun, damit meinem Kleinen die Gesellschaft nicht total pervers oder pathologisch gespalten vorkommt? Oder muss ich mich damit abfinden, dass sie es ist?

Mein Kind ist eine CO2-Schleuder. Sorry, Erde.

Ich meinte, bewusst und einigermassen umweltfreundlich zu leben. Aber jetzt bin ich Vater und damit tue ich der Erde nichts Gutes, denn der Verzicht auf Kinder wäre die effektivste Massnahme für den Klimaschutz, so eine aktuelle Studie. Wie und warum ich mich rauszureden versuche.

Vegan, keine Flüge, kein Auto – ein Kind macht alles zunichte und verursacht 58,6 Tonnen CO2 im Jahr. Umweltschutz ist so eine Sache und mit unserem Lebensstandard schlecht zu vereinbaren. Immerhin, bei der Ernährung, so glaube ich, bin ich gut dabei. Aber bereits fliegen tu ich knapp jährlich. Ein Auto leih ich mir dann und wann. Was Verpackungen anbelangt, da bin ich wirklich schlecht.

Aber he, darauf kommt es überhaupt nicht mehr an: Ich habe ein Kind, und das ist das Schlimmste, was man Mutter Erde antun kann. Sollte ich auf ein Zweites verzichten, dann bin ich fein raus – so eine im Juli 2017 veröffentlichte Studie im Fachblatt "Environmental Research Letters". Diese zeigt auf, welche Massnahmen am effektivsten wären, um den Klimawandel zu stoppen. Neben pflanzlicher Ernährung, dem Verzicht auf Flugreisen und das Auto sei der Verzicht auf ein (weiteres) Kind am wirkungsvollsten (der Verzicht auf ein Kind spare knapp 60 Tonnen CO2 ein, bei jenem auf einen Retourflug von Zürich nach Lanzarote ist es nur gut eine Tonne). Hoppla. Mein kleiner Stinker als Klimasünder. Nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern ganz allgemein und ziemlich drastisch.

Ein Kind zur Befriedigung von purem Egoismus?

Der Kleine dient also, wie es ein Mercedes täte (oder Ferien in den Tropen oder ein saftiges Steak oder eine Rahmglace), der Befriedigung meiner egoistischen, rücksichtslosen (Schein-)Bedürfnisse, ist dabei aber schlecht für die Umwelt und damit auch für meine Mitmenschen.

Ohne Kind wäre ich zwar vielleicht weniger glücklich, unter dem Strich aber ein besserer Mensch. Das ist doch Blödsinn, oder? Ein Kind als Quell des Bösen zu sehen, will so gar nicht in mein Verständnis des Menschseins passen. Als Papa weiss ich zudem, wie Kinder das Erwachsenenleben leichter machen können (ok, auch schwerer, aber die Kinderliebe ist nun mal nicht beschreib-, sondern nur erlebbar).

Die Kinderlosigkeit als Freibrief gegen ein nachhaltiges Leben?

Es ist aber natürlich so: Wenn man die Umweltproblematik als menschengemacht versteht, ist es nur folgerichtig, dass es der Erde ohne Menschen bessergehen würde. Der konsequente Klimaschutz wäre die Ausrottung der Menschen: keine Kinder mehr produzieren.

Das hingegen ist die klassische Ausrede, um nicht andere Massnahmen zu ergreifen: Man verweist auf die Überbevölkerung. Natürlich ist diese ein Problem, aber bei einer Geburtenrate von 1.5 Geburten pro Frau in den Umweltsünder-Staaten nicht wirklich das vordergründige. Zudem hätten wir ein ganz anderes, soziales Nachhaltigkeitsproblem ohne Kinder, bereitet doch die demografische Entwicklung mit wenig Nachwuchs sowohl dem Arbeitsmarkt als auch der Vorsorge Probleme. Viel entscheidender für die Umwelt ist der Lebensstil. Hier kommt das Elternsein ins Spiel: Nicht nur, was wir unseren Kleinen hinterlassen, sondern auch, was wir ihnen an Handlungskompetzenz mitgeben, ist entscheidend für deren Zukunft. Betrachtet man die besagte Studie, ist die Liste, was das sein müsste, schnell gemacht (seltsamerweise in der Studie unerwähnt bleibt: die beheizte Wohnfläche zu verringern oder zu teilen):

  • pflanzliche, regionale Ernährung
  • Ferien in der Region (kein Flugzeug)
  • Fahrrad und Zug statt Auto

Reflektieren, Vorbild sein, die Erde weitergeben

Also lande ich wieder bei mir: Vorbild sein. Denn das scheint mir weitaus sinnvoller, als der Überbevölkerung die Schuld zu geben und sich damit einen Freibrief für alles Mögliche auszustellen. Konsequent sein wäre hervorragend, den Kleinen die Optionen aufzuzeigen und das eigene Handeln begründen zu können aber schon mal ein Anfang. Mittelfristig geben wir Eltern das Zepter an die kleinen Racker weiter und diese müssen die von uns beackerte Erde übernehmen: Wäre doch schön, sie wüssten von Anfang an, was dieser dabei am wenigsten schadet.

Hier eine unvollständige Liste, was das für unseren Alltag bedeuten könnte: